Erbauliches

Ein modernes Märchen

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Ei, Großmutter, warum hast Du so einen tiefen, wannenartigen Schlund?«
»Damit ich mehr Auffangvolumen fassen kann.«

»Ei, Großmutter, warum hast Du kleingeschnipselte Reste der Vertragsentwürfe 2016 überall in Deinem Bauch?«
»Damit sie kein Unbefugter lesen kann.«

»Ei, Großmutter, warum ist Dein Elektromotor so laut?«
»Damit sich meine ineinandergreifenden Räder besser drehen können.«

»Ei, Großmutter, warum hast Du so ein messerscharfes Schneidwerk?«
»Damit ich Dich besser schreddern kann! Im Partikelschnitt und mit genormter Zerkleinerungsstufe natürlich, ich bin schließlich ein Premium-Modell. Rrrrrrrrrrrrrrrrr.«

– Rotkäppchen und der Reißwolf

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Meine liebste Kindheitserinnerung

Zeitlebens war mein Herr Vater ein sittenstrenger Zuchtmeister, der mich stets auf Distanz hielt. Umso größer mein Entzücken, als er eines sonnigen Tages vor meine Kinderhütte trat und sprach: „Sohn, wir fahren in den Streichelzoo. Wir nehmen meinen Geländewagen.“
Und Trauma hin, Trauma her – noch heute handelt es sich bei dieser Ausfahrt mit großem Abstand um meine liebste Kindheitserinnerung. Bisweilen konnte ich sogar für einige Sekunden zaghaft ein Häschen oder Rehlein liebkosen, sofern die possierlichen Tierchen (oder immerhin Teile von ihnen) von den massiven Hinterreifen seines Armee-Jeeps in Richtung der Rückbank geschleudert wurden. Am Ende ließ er mich außerdem ganz alleine die Kadaver zum späteren Verzehr aufsammeln (die anderen Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt längst die Flucht ergriffen).

Insgesamt ein denkwürdiger Tag für beide – ich kam meinem Herrn Vater, mein Vater wiederum seinem Automobil ein Stückchen näher. Den Anblick von rohem Hackfleisch kann ich aber auch heute nur schwer ertragen.

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Familienchronik

Erprobter Aphorismus für eine Festrede auf der goldenen Hochzeit eines geschätzten Freundes

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“Sind nicht alle langjährig Verheirateten ein bisschen wie Tropfsteine? Gemeinsam hängt man, zu fahler, wulstig-schwieliger Statur erstarrt, in dumpfem Domizil nebeneinander. Längst vergessen jene kurzlebige Jugendglut, als wallende Chemie beide einst Seit’ an Seit’ aus teigigem Kalkstein presste – doch weniger schicksalhafte Bestimmung denn diffuse Naturlaune. Und so tropft man in passiv-aggressiver Übereinkunft Dekaden und Äonen nebeneinanderher – mehr als genug Zeit immerhin, um das immergleiche Geblubber des anderen irgendwann ertragen zu lernen. Daher erhebe ich mein Glas auf Erna und Manfred!”

Kategorien: Aktuelles, Die bessere Gesellschaft, Erbauliches

Die Sonntags-Sophisten. Heute: Das Stil-Ankunft-Problem

Im Park. Herr K. und Herr S. auf einer Bank bei Bieren.

Herr K. (Vage in Richtung des Fahrradweges deutend): Die Frau dort drüben trägt eine Clubjacke im Leopardenmuster. Meines Wissens war so etwas zuletzt in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts modisch.

Herr S.: Allerdings wäre es unzutreffend, nur aufgrund dieser Beobachtung zu behaupten, die Frau verfüge über kein modisches Bewusstsein. Vielleicht hat sie sich zum Zeitpunkt ihrer Abfahrt nach bestem modischen Wissen und Gewissen gekleidet. Schließlich ist es schlechterdings unmöglich mit Sicherheit zu sagen, wie lange sie schon unterwegs ist.

Herr K.: Möglicherweise ist die Frau ja sogar eine besonders akribische Planerin und hat ihre Garderobenwahl ganz ihrer voraussichtlichen Ankunft angepasst. Dann wäre es völlig gleichgültig, ob ihre Clubjacke während der Reisezeit vielleicht kurzzeitig aus der Mode gerät, solange sie nur wieder schick ist, sobald sie ihr Ziel erreicht hat. Man sagt in der Welt der Mode ja nicht ganz ohne Grund: „Alles kommt irgendwann wieder“.

Herr S.: Dann müsste es uns doch eigentlich möglich sein, die voraussichtliche Ankunft der Dame zu ermitteln. Wir müssten lediglich stilistisch abschätzen, wann eine Clubjacke mit Leopardenmuster aller Voraussicht nach das nächste Mal in Mode kommen wird.

Herr K.: Dann müsste die Fahrradfahrende ihr Ziel grob überschlagen in etwa 18.000 Jahren erreichen. Andererseits: was verstehe ich schon von Mode?

Kategorien: Erbauliches

Die Operetten-Kasernierung

Inzwischen ist es zur zweifelhaften Sitte geworden, alle Jahre wieder den in besonders negativer Weise aktenkundigen Ausschuss der deutschen Selbstdarstellerzunft im sonst weitgehend primatenfreien australischen „Dschungel“ zu internieren. Läppische zwei Wochen gibt er sich dort der Lächerlichkeit preis – und wird für seine Mühen sogar noch finanziell entschädigt.

Früher wäre eine derart zuvorkommende Behandlung einschlägiger Lustspiel-Verbrecher kaum denkbar gewesen. Die Älteren unter Ihnen werden sich in diesem Zusammenhang vielleicht an das Panoramagefängnis „Zum weißen Rössl“ im schönen Salzkammergut erinnern.

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Die augenscheinliche Idylle trügt: das „Rössl“ galt damals als sittenstrengste Vollzugsanstalt für bei Kaiser und Hof wegen mangelnden Talents in Ungnade gefallene Mitglieder der Operettendarsteller-Zunft, bei ihren Insassen war sie als „Hölle der pittoresken Pein“ berüchtigt.

Ein gewöhnlicher Tag im „Rössl“ begann mit den ersten Technicolor-Sonnenstrahlen und dem fidelen Blasen der Jagdhörner zum Frühschoppen-Appell. Zum Spaßen war schon zu früher Stunde niemand aufgelegt – bei den Wärtern achte man schon bei der Einstellung peinlich auf eine angemessen rührselige Temperamentslage.

Überhaupt traf den Neuankömmling sogleich die ganze Wucht des Trivialen: Ob bei der täglichen Dreivierteltakt-Gymnastik vor malerischem Panorama oder der gemeinsamen Gstanzl-Rezitation auf sattgrüner Bergwiese – ein geplantes Abgleiten ins Kitschige war fester Bestandteil des ausgeklügelten Vollzugskonzepts.

Auch angewandte Heiterkeit stand ganz regelmäßig auf dem Programm: Intonierte ein Mitglied des Wachspersonals bei der Zellenkontrolle eine wonnige Spontan-Arie, so hatte jeder Insasse unverzüglich im Chor miteinzustimmen – allzu verbohrten Trauerklößen drohte postwendend der Gang ins „Maxim“ (So bezeichnete der Häftlingsjargon die nur von herzförmigen Gucklöchern erhellte Einzelhaftzelle).

Einmal pro Monat war jedem Häftling gestattet, Besuch von seiner Liebsten zu empfangen (hatte er selbst keine, so wurde ihm auf Anstaltskosten eine gestellt). Doch auch hier waren strenge Regeln einzuhalten. Das Protokoll sah einen leidenschaftlich geführten Beziehungsstreit vor, zu dessen Untermalung jederzeit ein Orchester für dramatisch-schrille Streichersätze bereitstand. Hernach sah das Protokoll einen leidenschaftlichen Versöhnungskuss vor (Mindestdauer: fünf Minuten). Der Gefängnisgeistliche blickte solange verschämt grienend in die Zimmerecke zum ebenfalls betont desinteressierten Heiland am Kreuz.

Fluchtversuche waren übrigens von vornherein zwecklos. Wer die Operette oder den Heimatfilm auch nur im Ansatz studiert hat, der weiß: Auch wenn es bisweilen zu leichten Verwicklungen kommt – am Ende wendet sich immer alles zum Guten.

Trotz anfänglicher Zweifel an den drakonischen Methoden gab der Erfolg dem „Rössl“ schließlich Recht: Mit Jopie Heesters und Peter Alexander eroberten zwei ehemalige Insassen später sogar die deutsche Welt im Sturm.

Der langen Rede kurzer Sinn: Auch ein Strafvollzug für abgehalfterte Knallchargen muss sinnvolle Perspektiven zu Resozialisierung anbieten. Dann ist möglicherweise selbst die deutsche Unterhaltungslandschaft noch zu retten.

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Hoch vom Himmel komm ich her

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Ihr Kinder, stellt die Schuh‘ hinaus,
denn heute kommt der Nikolaus;
Drum geht heute brav und munter,
eilig in den Keller runter.
Äpfel, Feigen, Backwerk, Nüss‘
Bombt er Euch munter vor die Füß‘
Übrigens:
Warum der Klaus die Stuka fliegt
und Land und Stadt damit zersiebt?
Nun, schlechte Erfahrung:
Er Schlug Rangen-Hintern warm,
das Resultat: Ein Ruten-Arm.
So kam er langsam zu der Sicht:
Brave Kinder gibt es nicht!

Foto: Michael Schmidt

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Knisternde Spannung in der Anschnur-Röhre

Die Lage der deutschen Fernsehlandschaft ist desperat: Das „Testbild“ und die „schönsten Bahnstrecken Deutschlands“ längst abgeschafft, „Derrick“ erst postum als wenig atypischer Münchner Kriminaler entlarvt und die philosophischen Einlassungen des Herrn Lesch zwingen selbst die senile Bettflucht zur schläfrigen Umkehr.

Kurzum: die schiere Abwesenheit eines jedweden Qualitätsprogramms führt dem vielfältig interessierten Menschen umso schmerzlicher vor Augen, wie dankbar er für die Existenz diverser Anschnur-Videoplattformen zu sein hat. Hier steht es einem jeden völlig frei, sich zu seinem ganz eigenen Programmdirektor aufzuschwingen und die interessierte Öffentlichkeit mit hochwertigster Unterhaltungskost zu beglücken.

Genießen Sie ganz in diesem Sinne mit mir die neuste Episode der hochspannenden Reihe: „Die besten Waschautomaten in Aktion“. Heute: Der Lavamat ProTex spürt mit seinem modernen Gewichtssensor hereinbrechendes Unheil: Die stark verschmutzten Stinkesocken des kleinen Joscha sind nach der Handball-Stunde so stark verschmutzt, dass unser Held bei 60 Grad gehörig ins Schwitzen kommt – sind 1600 Umdrehungen genug, um damit die Buntwäsche das Prädikat „Aprilfrisch“ erhält? Außerdem: ist Muttis Kuschelpullover wieder versehentlich in die Trommel geraten?
Ich verrate wohl kaum zu viel, wenn ich Ihnen sage: knisternde Spannung ist auch in dieser Episode garantiert!

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Mein kleiner Lumpi

„Da ist der Wurm drin“ – dieses Sprichwort gereicht doch insbesondere einem ausgemachten Mißstande zum eindrucksvollen Fanal: nämlich, dass das überaus redliche Weichtier völlig zu unrecht allenfalls einen tertiären Ruf unter den mutmaßlich besten Freuden des Menschen (neben dem Frauenzimmer, natürlich) genießt.

Der moderne Mensch hält sich Feliden, Caniden, ja, sogar garstige Nagetiere und behandelt sie mit einer treudämlich-nassforschen Vertraulichkeit, obschon es völlig offensichtlich ist, dass ihn diese Schädlinge nichts weiter als ausnutzen und ihm im Erstfall im wahrsten Sinne des Wortes sogar das Antlitz vom Schädel fressen würden, wäre gerade nichts anderes da.

Alldieweil fuhrwerkt der deutsche Regenwurm bienenfleißig und trutzig in der sakrosankten Heimaterde und ermöglicht so durch seinen unschätzbaren Umwühldienst Ernte um Ernte, ohne dafür auch nur im Ansatz eine angemessene Würdigung zu erfahren.

Ich selbst hatte gottlob schon in jüngsten Jahren die Gelegenheit, auf höchst zärtliche Weise mit einem waschechten Abkömmling jeder stolzen Mollusken in Kontakt zu treten: In der Tat war der liebe „Lumpi“, mein Haus-Bandwurm, sogar mein einziger Freund (und ist es, bei näherer Betrachtung, bis heute geblieben).

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Mein kleiner Lumpi

Wie Sie sicher wissen, hatte ich mich in meiner Kindheit auf Weisung meines gestrengen Herrn Vaters mit den Hofhunden um meine Nahrung zu balgen. Vermutlich trat Lumpi dereinst als niedliche Finne in einem rohen Pansen-Stück in mein Leben.

Als er erst in meinem Darm zu voller Größe ausgewachsen war, waren wir in der Tat unzertrennlich: nie vergesse ich die unbeschwerten Stunden, die ich damit zubrachte, meinen geliebten Lumpi von mir aufgenommene Nährstoffe apportieren zu lassen. Seither weiß ich: Oberbauchschmerzen können innige Liebe bedeuten! Bisweilen steckte er sogar sogar während des Defäkierens auf grüner Heide frech seinen Kopf hervor, um blöde Mädchen zu erschrecken. Kurzum: Lumpi war wie der Bruder, den ich gehabt hätte, hätten ihn nicht die Wölfe gerissen.

Leider verließ mich mein Lumpi allzu früh: die alten, zinnhaltigen Rohre des friedelschen Landgutes sorgten dafür, dass mein kleiner Freund unser Trinkwasser nicht recht vertrug; selbst ein Ehrengrab auf dem Tierfriedhof blieb ihm leider verwehrt; Mein Herr Vater war strikt dagegen, Potztausend!

Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Familienchronik, Gesundheit

Radka – eine Symphonie in E.Coli

Darf ich vorstellen: das Frl. Radka – staatlich geprüfte Klistier-Fachwirtin und ab Beginn der nächsten Woche ganz exklusiv mit der Beförderung meines Wohlergehens befasst.

Gerade außerhalb ihres Heimatlandes scheint man die Künste dieser Darmspülungsviruosin erstaunlicherweise zunehmend geringzuschätzen. Folgerichtig entscheid das Enddarmzentrum „Bavaria“, künftig auf ihre Dienste zu verzichten. Ein zumindest mir völlig unverständlicher Vorgang.

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Dabei erfordert die korrekte Ausübung ihres Handwerks einen vollendenden Grad der Meisterschaft: schon die kleinste Überdosierung der anregenden Flüssigkeit kann bekanntermaßen dazu führen, dass alle minutiöse Vorbereitung als paukender Walkürenritt schon vor dem eigentlichen „Festspieltermin“ in der erbärmlichen Akustik des heimischen Privés verpufft, anstatt genau zum richtigen Zeitpunkt im Opernhaus der Arztpraxis als kunstvoll vorgetragene Arie ihren medizinisch aufschlussreichen Höhepunkt zu finden.

Dem passionierten Wagnerianer wird die schiere Unwürdigkeit eines solchen Vorganges schon rein intuitiv einleuchten.

Man benötigt wohl heutzutage schlicht das sanfte Gemüt eines Kenners der schönen Künste, um die vollendeten Arrangierungskünste dieser Fee der Porzelantrompete wertschätzen zu können. So ist es wohl ganz und gar an mir, Dein Polypen-Puccini zu sein, O Du Muse der Eingeweide!

Kategorien: Aktuelles, Diabolisches, Erbauliches

Urlaubsschnäppchen im Pflegeheim

Werte Damen und Herren,

gewiss kennen auch Sie dieses Gefühl: bisweilen scheinen die nagenden Fährnisse des tristen Alltags selbst den duldsamsten Menschen geradezu zu verzehren. Freilich: man soll sich nicht beklagen, so steht es schließlich bereits in der Bibel – den Lohn für alle irdische Müh erhält man im Jenseits, wo auf den guten Christenmenschen gottlob nur eine einzige, auf ewig unbefleckbare Jungfrau wartet.

Gleichwohl ist jedermann bloß ein Mensch – sogar eine Schlüsselfigur meines Zuschnitts. So trifft es sich, dass auch ich bisweilen eine sogenannte „Auszeit“ vom Trubel des Alltags benötige. Als vielbeschäftigter Hochbetagter habe ich mir ein wenig Erholung ja auch redlich verdient. Da erscheint ein Kuraufenthalt auf den ersten Blick als das Gebot der Stunde. Wohingegen sich bereits beim zweiten Hinsehen die Nachteile eines solchen Erholungsurlaubes offenbaren: Kurtaxe, Hotelkosten, sowie teure und wenig nahrhafte Schonkost sind da nur die Spitze des kostspieligen Eisberges.

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Betreuung auf Fünf-Sterne-Niveau

Meine Maxime lautet hingegen: Erholung sollte in diesem Lande auch für den kleinen Geldbeutel erschwinglich sein und bleiben. Daher urlaube ich seit Jahr und Tag im Pflegeheim St. Theresa. Wie herrlich erholsam ist es doch, endlich einmal wieder völlig umsorgt zu werden und Seele wie Schließmuskel vollends baumeln lassen zu können.

Noch nicht einmal um die Anreise muss ich mich kümmern: ich brauche lediglich den sogenannten „Notfallknopf“, den ich an einer uhrähnlichen Vorrichtung am Handgelenk trage zu betätigen –  flugs eilt medizinisch geschultes Personal herbei. Meist genehmige ich mir noch kurz vor dem beherzten Knopfdruck ein gesundes Fläschchen Sechsämter und lege meine Dragoner-Uniform an. Logische Diagnose: fortgeschrittene Demenzerkrankung. Nächster Halt: Seniorenstift!

Erfreulicherweise verfüge ich über keinerlei lebende Verwandtschaft und bin zudem durch eine geschickte Finanzbuchhaltung bedarfsweise völlig mittellos. Die Kosten meines Aufenthalts trägt also Vater Staat.

Nach der Erledigung dieser lästigen Formalitäten kann denn auch endlich die Erholung beginnen – und die umfassende Betreuung lässt in der Tat kaum Wünsche offen. Endlich völlig unbehelligt von der alten Zeit berichten, oder dem Ärger über die falsch ausgefüllte Steuererklärung Anno ’75 freien Lauf lassen, ohne auf terminliche Zwänge, Nervenkostüm oder Feierabend des Personals oder der anderen Insassen Rücksicht nehmen zu müssen – herrlich!

Man wird angekleidet, auf Wunsch gefüttert, ja, nicht einmal das Klosett muss man besuchen, sollte man es vorziehen, den Tag gemütlich im Bett zu verbringen. Gut, bisweilen bleibt man vielleicht, aufgrund von personellen Engpässen, im wahrsten Sinne des Wortes auf der eigenen Bettpfanne sitzen. Immerhin: eine Fango-Packung käme weitaus teurer!

Die Verpflegung ist übrigens besser als ihr Ruf: Freude exotischer Kost erwartet eine aufregende Entdeckungsreise in unendliche kulinarische Weiten – bei Astronautennahrung und Magensonde speisen Sie wie weiland die Besatzung des Raumschiffs Orion.

Langeweile kommt ebenfalls nicht auf: bei bunten Abenden im Aufenthaltsraum kommt selbst der reservierteste Insasse in ausgelassene Schunkelstimmung. Bisweilen sorgt bei der gemeinsamen Polonaise zudem ein spontaner Schlaganfall bei einem Mitbewohner für knisternde Spannung. Im Falle seines Ablebens lässt man den Abend dann bei einer guten Tasse Harntee mit informierten Gesprächen über die tragische Krankengeschichte des Verschiedenen ausklingen. Wohlige Schauer, sowie das befriedigende Gefühl, selbst noch am Leben zu sein, sind garantiert!

Man darf also zusammenfassend festhalten: wer seinen Urlaub im Pflegeheim verbringt, der kann sich hernach mit neugewonnener Energie wieder ins Tagesgeschäft stürzen; Ich kann Ihnen folglich nur raten, es mir nachzutun. Bedenken Sie: Das Pflegepersonal wird schließlich nur dafür bezahlt, Sie nach allen Regeln der Kunst zu umsorgen. Ein schlechtes Gewissen – oder gar Trinkgelder – sind völlig unangebracht. Schließlich steht es schlussendlich jedem frei, etwas Vernünftiges zu lernen –  beispielsweise Sparkassendirektor oder Berufspolitiker.

Ich wünsche Ihnen von Herzen einen erholsamen Urlaub!

Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Gesundheit

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