Erbauliches

Weihnachtswünsche

Wie sagt man doch so schön: „Heiligabend ist auch nur ein Montag“? Nein: „Humor ist, wenn man trotzdem #weihnachtslaechelt„. Ihnen allen (und trotz allem) ein frohes Fest!

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Noch nicht gänzlich verworfener Auftakt für einen geplanten Bildungsroman im EDEKA-Millieu

»Seine Herkunft blieb dem eines kalten Novembertages scheinbar achtlos vor der Lang-Filiale in der Keppler-Staße abgelegten Findelkind Gregor Tomiczek zeitlebens selbst ein Rätsel. Tatsächlich empfand er gerade in den schwierigen Anfangsjahren eine unerwiderte Seelenverwandtschaft zur „Gut-und-Günstig“-Wurst (1,29.-).«

Kategorien: Erbauliches, Zur Weltliteratur

„𝕯𝖎𝖊 𝖙𝖆𝖚𝖘𝖊𝖓𝖉 𝖊𝖎𝖙𝖗𝖎𝖌𝖊𝖓 𝕾𝖎𝖊𝖈𝖍𝖊𝖓 𝖉𝖊𝖘 𝕾𝖙. 𝕹𝖎𝖐𝖔𝖑𝖆𝖚𝖘“: 𝕰𝖎𝖓 𝖘𝖚𝖇𝖏𝖊𝖐𝖙𝖎𝖛𝖊𝖗 𝕹𝖆𝖈𝖍𝖇𝖊𝖗𝖎𝖈𝖍𝖙

Noch bevor in allen bedeutenden Tageszeitungen am morgigen Tag frenetische Feuilletons zu meiner in­sze­na­to­rischen Großleistung erscheinen, möchte ich Ihnen, werte Fratzenbuch-Freunde, möglichst neutral meine eigenen Eindrücke der denkwürdigen Uraufführung meines Stücks „Die tausend eitrigen Siechen des St. Nikolaus“, welches ich – nicht ganz zu Unrecht, wie ich meine – als Kulmination meines dramatischen Weihnachtsspiel-Schaffens erkenne, schildern. An dieser Stelle sei auch meinem Ensemble nochmals explizit für die Mitwirkung gedankt. Man kann, so denke ich, durchaus mit einigem Stolz auf das Erreichte blicken und sollte die teils unschönen Szenen, die sich im unmittelbaren Anschluss abspielten, keinesfalls überbewerten. Bestenfalls kann man sie zum Gradmesser dafür nehmen, daß die Disruption der gefälligen Selbstvergewisserung eines nur noch an harmlos-wohlfeile Weihnachtsspiele gewohnten Publikums als hehre Aufgabe des Laientheater-Schaffenden wohl gerade dann als besonders geglückt zu gelten hat, wenn man die Gemeinde-Mehrzweckhalle frühzeitig, unfreiwillig und fluchtartig verlässt.

Nun aber genug der langen Vorrede. Was war passiert? Oder besser: Was überhaupt intendiert? Über meine Beweggründe muss ich, so glaube ich, keine großen Worte mehr verlieren. Nur so viel: Muss man sich denn ernsthaft wundern, daß nicht einmal mehr das ungezogenste Gör den St. Nikolaus zumindest ein bisschen fürchtet, wenn er doch bei näherem Hinsehen heutzutage nur noch als weichlicher Lieferant zuckriger Lebensverkürzer fungiert, sozusagen als zauselbärtiger Diabetes-Dealer mit seltsamem Hut? Wo bleibt da die Ehrfurcht, wo der Respekt vor der imposanten Lebensleistung dieses Ausnahme-Heiligen? Fraglos schien ein entschlossenes Gegensteuern dringend angezeigt. Und so hatte ich mein Stück ganz in diesem Geiste als Parforceritt durch die zahlreichen Wundertaten des Heiligen aus Myra angelegt, sozusagen ein sakrosanktes Kammerspiel, gelegentliche Menetekel keineswegs ausgeschlossen!

Wie aber, so lautete zweifellos die Ausgangsfrage, kann es gelingen, das für seine nachgerade mikroskopische Aufmerksamkeitsspanne geradezu berüchtigte infantile Publikum für eine derart ernste Thematik zu interessieren? Ganz klar: man musste mit einem echten Knalleffekt beginnen! So hatte ich gerade die Wirkung der ersten Szene wohlkalkuliert und verfolgte vom Bühnenrand (besser gesagt dem Aufbewahrungsraum der Turn-Gerätschaften) einigermaßen siegesgewiss, wie Frl. Radka und Frl. “Ruby Gold”, genauestens observiert von 34 leuchtenden Halblings-Augenpaaren, in ihrer üblichen Arbeitskleidung um viertel nach sechs die Bühne betraten. Zu den beiden Damen nur so viel: Aus den genannten dramaturgischen Überlegungen hatte ich mich entschlossen, mit der Legende vom Geldgeschenk zu beginnen. In dieser (selbstverständlich wahren) Geschichte errettete der St. Nikolaus einen verarmten Mann nobler Herkunft aus misslicher Lage. Er konnte nämlich die Mitgift für seine Töchter nicht aufbringen und sie deshalb nicht anständig vermählen. Als einziger Ausweg erschien dem bedauernswerten Mann, seine Töchter dazu zu zwingen, sich im äußerst ungünstig reputierten Hafenviertel von Myra den Seemännern feilzubieten. Was blieb dem armen Menschen auch anderes übrig? Der heilige Nikolaus kam ihm schließlich zu Hilfe, indem er in drei aufeinanderfolgenden Nächten einige Goldmünzen unter seiner Tür durchschob.

Da mir gerade bei dieser entscheidenden Szene Authentizität als besonders wichtig erschien, hatte ich mit den genannten Damen echte Professionelle engagiert, die in meinen Augen am besten imstande waren, die mit dem bejammenswerten Schicksal der Töchter einhergehende Verzweiflung mit dem gebotenen Nachdruck zu verkörpern. Und was soll ich sagen? Mein Plan ging ganz famos auf! Beide improvisieren kaugummikauend etwa drei Minuten einen Monolog über die Fährnisse des Dirnen-Daseins, bevor ich im Nikolausgewand die Bühne betrete und jeder einige Münzen zustecke, woraufhin mich die beiden jubilierend ihrer Dankbarkeit versichern und wir alle drei Hand in Hand die Bühne verlassen. Vorhang und anerkennendes Raunen, insbesondere bei der versammelten Elternschaft.

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In der nächsten Szene eine abrupte Rückblende in die Kindertage des heiligen Mannes: Ich, mich als Baby-Nikolaus nur mit einer Pampers bekleidet auf einem Bärenfell räkelnd, erwarte wonnig brabbelnd die Ankunft meiner Frau Mutter, ebenfalls verkörpert von Frl. Ruby. Kenner der Materie wissen bereits: hier wird die Legende nacherzählt, nach der Nikolaus schon als Säugling so fromm war, daß er die Brust der Mutter an den Fastentagen stets nur einmal nahm, was das Frl. Ruby nach mehrmaligem Angebot, welches ich mit ablehnendem Kopfschütteln quittiere, mit publikumswirksamer Bewunderung kundtut. Vorhang und Schweigen im gerührten Auditorium.

In der dritten Szene wird dem Publikum keine Ruhepause gegönnt und das Erzähltempo nochmals erhöht. Behandelt werden die Auferweckung der zerstückelten Scholaren und die Rettung der zum Tode verurteilten Feldherren. Den Zuschauern bietet sich eine verstörende Szene: Zur Rechten Herr Kleinschmidt von Kleingartenverein in seiner bewährten Rolle als zerhackter Scholar im Salzfass, aus dem nur Kopf und Arme ragen und somit den täuschend echten Eindruck abgetrennter Gliedmaßen vermitteln. Zur Linken meine Halma-Brüder Furtmayer, Groß und von Nortz als bereits am Galgen baumelnde Feldherren, wobei hier leider der doppelte Boden versagte, was andererseits der Authentizität der Darbietung überhaupt nicht schadete. Einige Liter Kunstblut verliehen dem schrecklichen Panorama zusätzliches Gewicht. Eiligen Schritts betrete ich im Kostüm die Bühne, spanne das Publikum aber noch gehörig mit einem Monolog über Schuld, Sühne und die verheerenden Folgen mangelnder Folgsamkeit auf die Folter, bevor ich schließlich den Zerstückelten wieder ganz mache und die Erhängten vom Galgen schneide. Vorhang.

Folgen sollte nun eigentlich ein vierzigminütiges Zwischenspiel, das detailliert die Ereignisse beim Konzil von Nicäa unter Berücksichtigung der kanonischen Implikationen nacherzählt. Freilich kam es dazu nicht mehr. Inzwischen hatte sich gerade in den hinteren Reihen, also auf den Eltern-Plätzen, einiger Tumult entwickelt, der noch vor der ersten Bekenntnisverbrennung in wütenden Zwischenrufen und schließlich im Verständigen der Ordnungshüter gipfelte, was einen vorzeitigen Abbruch der Vorführung letztlich alternativlos machte. Immerhin nahmen die durchaus physischen Auseinandersetzungen mit den Eltern beim Verlassen der Mehrzweckhalle jene Schlägerei vorweg, in der die Konzil-Szene ohnehin gipfeln sollte.

Was lässt sich abschließend festhalten? Ärgerlich bleibt sicherlich, daß ich die besonders ausgeklügelte Abschluss-Szene nicht mehr zur Aufführung bringen konnte, die das postume Quellenwunder besonders anschaulich dargestellt hätte: Aus dem Kopfende des Nikolaus-Sarkophags entspringt kurz nach seinem Tode eine Salböl-Quelle. Dazu hatte Bäckermeister Schmied ein lebensgroßes Marzipan-Abbild meiner Wenigkeit auf einer Grablege aus Biskuit präpariert, aus dessen Kopf nach einem Wehklage-Monolog der Fräuleins Radka und Ruby unter allgemeinem Hallo ein sprudelnder Brunnen aus weißer Schokolade entsprungen wäre. Der ehemals zerstückelte Scholar hätte sodann mit den Worten “Nun ist es mit dem Alten aus – gelobt sei der St. Nikolaus” das Buffet eröffnet. So blieb die süße Köstlichkeit leider unverzehrt, was die bedauernswerten Kindlein nicht zuletzt der mangelhaften Bibelfestigkeit ihrer Erzeuger zu verdanken haben. Immerhin konnte Herr Kleinschmidt, der seine Kleptomanie-Selbsthilfegruppe aus Zeitgründen schon seit Monaten nicht besucht hat, vorausschauenderweise die Kindergartenkasse entwenden, mit deren Inhalt wir den Frls. Ruby und Radka sogleich den wohlverdienten Lohn auszahlten.

Ich muss wohl wieder einmal damit leben, meiner Zeit wenigstens drei Tode mit anschließender Wiederauferstehung voraus gewesen zu sein. Mein Vorhaben allerdings, nämlich mit Nachdruck auf die eigentliche Bedeutung des Nikolausfestes hinzuweisen, ist zweifellos grandios geglückt. Wünsche weiterhin eine besinnliche Adventszeit!

Vorhang.

Kategorien: Aktuelles, Baron Friedels aristokratischer Almanach, Erbauliches

An die Autobahnraststättenmülltonne

Da stehst Du, unerklärlich Rund,
ungekannte Tiefe,
was glitzert da im tiefen Schlund?
Ah! Präservative!

Äonenlang magst Du hier steh’n,
seit wann, kann niemand wissen,
hast trutzig Deinen Dienst verseh’n
– und der ist echt beschissen.

So schluckst Du Jahr um Jahr galant,
was andere entbehren,
ganz stoisch, wie ein Erdtrabant,
und ohne Dich zu wehren.

Woher kommt dieser Gleichmut nur,
ganz ohne Seelenlast,
trotz Tampons, Windeln, Kot-Lasur,
nur ruhige Tonnen-Rast?

Wie ein Idol stierst Du mich an,
höhnisch grient Dein Schlund:
„Ich bin Tonne, Du nur Mann,
und das nicht ohne Grund:

Wer hier zu mir gekommen ist,
wird bald auch wieder gehen,
wenn Du schon längst verschwunden bist,
werd‘ ich noch immer stehen.

So leb‘ ich hier als stiller Gott,
kann, was ich verrichte,
ich entsorge Eu’ren Schrott
– Euch dann die Erdgeschichte.“

So steh‘ ich mit dem Eispapier,
bereit, wieder zu fahr’n,
von Ferne her rauscht die A vier,
fast wie der Ozean.

*) Aus meiner gefeierten Anthologie „Debatten mit Dingen“. Jetzt auch beim Bücher-Club Ihres Vertrauens und jeder wohlsortierten Autobahnraststätte erhältlich

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Romanidee

»Ich habe jetzt endlich eine Idee für meinen Roman!«
»Oh, lass hören!«
»Also: Ein Mann, selbst erfolgreicher Uni-Dozent, zieht mit seiner Familie in ein beschauliches Örtchen auf dem Land, weil er des urbanen Lebens überdrüssig ist und auch so keinen Feinstaub mehr verträgt.«
»Bis dahin klingt das sehr interessant!«
»Warte, es wird noch besser! Unser Protagonist, nennen wir ihn vorläufig Professor G., freundet sich mit einem älteren Herrn aus der Nachbarschaft an, der ihn in ein Geheimnis einweiht: Hinter einem örtlichen Kleintierfriedhof verläuft ein uralter Pfad, der zu einer altertümlichen Begräbnisstätte führt, die ein dunkles Geheimnis birgt.«
»Ha, das gibt es doch schon längst! Das ist ziemlich genau die Handlung von „Friedhof der Kuscheltiere“ von Stephen King! Das hast Du wahrscheinlich irgendwann gelesen und es jetzt für Deine eigene Idee gehalten.«
»Stimmt ja nicht!«
»Ach ja? Dann lass mich mal raten, wie die Sache weitergeht. Wahrscheinlich wird eines Tages der Sohn von Deinem Professor überfahren und er bringt, die Warnungen seines betagten Freundes in den Wind schlagend, seinen toten Spross auf dem irgendwie verfluchten Friedhof und bestattet ihn unvernünftigerweise dort, hab ich Recht?«
»Verdammt, woher weißt Du das?«
»…und dann kehrt der Sohnemann vom Indianerfriedhof zurück…«
»Nein! Falsch! Ganz falsch!«
»Ah so? Also doch anders?«
»Ganz anders! mein Buch spielt ja in Deutschland! Da gibt es keine Indianerfriedhöfe!«
»Sondern?«
»Na, zum Beispiel Römerfriedhöfe!«
»Gut, also ein Römerfriedhof. Das reicht aber nicht aus, um Dein Werk nicht selbst für einen Laien sofort als Stephen-King-Plagiat erkennbar zu machen. Wie geht es dann weiter?«
»Hast Du doch schon gesagt: Der Sohn kommt zurück…«
»…und beginnt damit, alle umzubringen….«
»Nein, FALSCH. Er lag ja auf einem Römerfriedhof. Warum sollte er da alle umbringen? Die Römer waren doch zivilisiert.«
»Aha. Und was macht er dann? Sich in einen Heilstein-Kurs in der Volkshochschule einschreiben?«
»Ich bin doch noch in der Konzeptionsphase. So genau weiß ich das noch nicht. Auf jeden Fall stellt der Vater aber fest, dass der Sohn plötzlich perfekt Ovid rezitieren kann. Und zwar den Ganzen!«
»Ah…äh…verstehe. Aber umbringen tut er niemand?«
»Ja, ich weiß nicht. Das wäre der Spannung natürlich schon zuträglich. Aber auf keinen Fall mit dem Messer oder so.«
»Wie denn dann?«
»Allenfalls mit Ovid. Also durch Langeweile. Ich will mir die Chance auf ein Verfilmung für die Primetime auf den Öffentlich-rechtlichen nicht vermasseln.«
»Das ist natürlich vernünftig.«

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Bald im Fernsehen: „Pfiff der Lunge“

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Allüberall wird derzeit über eine mögliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. In meinen Augen nicht ganz zu Unrecht, hat man doch insbesondere bei den gebührenfinanzierten Fernsehanstalten inzwischen sträflich jenen Bildungsauftrag aus den Augen verloren, der ihr sündteures Dasein ja eigentlich erst legitimiert. Längst ist das mahnende Fernsehspiel allüberall der leichten Unterhaltung gewichen, während endlose Gesprächssendungen als Feigenblatt den Blick auf die über­bor­dende Einschaltquotenorientierung verstellen sollen. Kurzum: So kann es nicht weitergehen!

Dabei wäre es doch mehr als simpel, der allgemeinen Einfalt intelligente Formate entgegenzusetzen, die zwar durchaus modern sind, der Jugend aber trotzdem den Weg zum Studium klassischer Stoffe weisen. Kurzum: Es ist wohl wieder einmal an mir, dem Abendland mit virtuoser Feder zur Rettung zu eilen. Lesen Sie hier ein Handlungs-Outline der ersten Episode meiner Rückbildungs-Telenovela “Pfiff der Lunge”, die den Stoff von Thomas Manns “Zauberberg” ebenso unterhaltsam wie informativ aufgreift. Schon die erste Folge, so viel sei schon im Voraus verraten, hat es durchaus in sich.

Der vielversprechende, wenngleich etwas schwärmerisch veranlagte Student José Castorp (Bachelor, Wirtschaftsingenieurwesen) macht sich eines Tages allein mit seiner Tasche aus Krokoimitat (Urban Outfitters), ein Geschenk seines Stiefvaters und Kumpels, Bankvorstand Dr. Tienappel, auf den Weg ins Sanatorium „Gourmet- und Wellness-Ressort Berghof“, einer romantisch-verwunschenen, aber liebevoll sanierten und mit modernem Spa-Bereich ausgestatteten Schlossruine in den Dolomiten und begegnet dort der oberflächlich biestigen, im Grunde aber herzensguten Krankenschwester Claire Chauchat, die eigentlich schon seit Jahren selbst unter einer Salon-TBC leidet, dies aber vor aller Welt geheim hält, um im Kreise der Patienten den Übeltäter zu identifizieren, der sie als im Alter von zarten 17 in einer stürmischen Liebesnacht hinter dem Bierzelt des Bruschenvereins mit der teuflischen Lust- und Lungenseuche infizierte. Castorp fühlt sich schon beim allerersten Treffen “irgendwie so” zu Schwester Claire hingezogen, was er sich erst kaum erklären kann, später aber auch nicht so richtig. Sie ähnelt wohl ein bisschen seinem Jugendschwarm Lady Gaga. Allerdings ist Claire schon hoffnungslos mit dem Niederländischen Energy-Drink-Produzenten Mynheer Pieter van der Vaart liiert, was wiederum Castrops Cousin, der Social-Media-Manager Hansjörg Ziemßen, zum Anlass nimmt, ihn via Messenger und Whatsapp eindringlich vor den Reizen der wollüstig keuchenden Schwester Claire zu warnen, die er für eine schlechte Partie hält, da sie “nicht mal studiert” hat. Allerdings kann auch er nicht verhindern, daß die beiden Protagonisten sich beim Stationsfasching näherkommen, die nach fünf Jackie-Cola einigermaßen sturzbesoffene Claire Castorp schließlich sogar ihre Krankheit gesteht und ihm überdies noch in derselben Nacht als Zeichen ihrer Verbundenheit ein Röntgenbild ihrer Lunge in die Timeline postet, was Castorps Kommilitonen Pietro Settembrini dazu veranlasst, sie in drei seiner merkelkritischen Postings zu markieren. Das wiederum ruft Sascha Naphta auf den Plan, der in mindestens fünf antifaschistischen Gruppen aktiv ist und eine sogar selbst verwaltet. Die beiden liefern sich daraufhin ein intensives Duell in der Kommentarspalte, während Castrop bereits beginnt, die Vorzüge des kommoden Spa-Bereichs und die ersten Anzeichen einer Wohlstands-Tropenkrankheit zu entdecken. Der Zuschauer hingegen fragt sich unversehens: Werden die beiden je zueinanderfinden – insbesondere aber: wird das alles je auch nur irgendeinen Sinn ergeben?

Wird es natürlich nicht. Freilich werden Castorps sieben Wellness-Jahre im in sieben seelenstreichelnden Staffeln trotzdem detailliert beleuchtet, während die Buchvorlage die letzten sechseinhalb Jahre aus Platzgründen nur gerafft wiedergibt. Die Langeweile, die auch der Zuschauer unweigerlich verspürt, wenn er die Protagonisten beim Aufnehmen von Selfies, Spielen von “Play to Win”-Spielen und dem posten vermeintlich metaironischer Essensbilder beobachtet, hat durchaus Methode. Denn gerade auf der alles entscheidenden Symbolebene verkörpern die in sich völlig hohlen Figuren und ihre siech-saturierte Dumpfheit in nuce auch soziale, politische und geistige Dürre Europas kurz vor dem Dritten Weltkrieg. Ganz im Stile des klassischen Rückbildungsdramas entwickeln sich die Protagonisten im Laufe der Handlung wieder zurück zum kleinbürgerlichen Ideal, das sich schon immer in der eigenen Filterblase genügte.

Ich erwarte stündlich die Zusage des zuständigen Rundfunkrates!

Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Redliches Fernsehprogramm

Ein modernes Märchen

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Ei, Großmutter, warum hast Du so einen tiefen, wannenartigen Schlund?«
»Damit ich mehr Auffangvolumen fassen kann.«

»Ei, Großmutter, warum hast Du kleingeschnipselte Reste der Vertragsentwürfe 2016 überall in Deinem Bauch?«
»Damit sie kein Unbefugter lesen kann.«

»Ei, Großmutter, warum ist Dein Elektromotor so laut?«
»Damit sich meine ineinandergreifenden Räder besser drehen können.«

»Ei, Großmutter, warum hast Du so ein messerscharfes Schneidwerk?«
»Damit ich Dich besser schreddern kann! Im Partikelschnitt und mit genormter Zerkleinerungsstufe natürlich, ich bin schließlich ein Premium-Modell. Rrrrrrrrrrrrrrrrr.«

– Rotkäppchen und der Reißwolf

Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Meine liebste Kindheitserinnerung

Zeitlebens war mein Herr Vater ein sittenstrenger Zuchtmeister, der mich stets auf Distanz hielt. Umso größer mein Entzücken, als er eines sonnigen Tages vor meine Kinderhütte trat und sprach: „Sohn, wir fahren in den Streichelzoo. Wir nehmen meinen Geländewagen.“
Und Trauma hin, Trauma her – noch heute handelt es sich bei dieser Ausfahrt mit großem Abstand um meine liebste Kindheitserinnerung. Bisweilen konnte ich sogar für einige Sekunden zaghaft ein Häschen oder Rehlein liebkosen, sofern die possierlichen Tierchen (oder immerhin Teile von ihnen) von den massiven Hinterreifen seines Armee-Jeeps in Richtung der Rückbank geschleudert wurden. Am Ende ließ er mich außerdem ganz alleine die Kadaver zum späteren Verzehr aufsammeln (die anderen Kinder hatten zu diesem Zeitpunkt längst die Flucht ergriffen).

Insgesamt ein denkwürdiger Tag für beide – ich kam meinem Herrn Vater, mein Vater wiederum seinem Automobil ein Stückchen näher. Den Anblick von rohem Hackfleisch kann ich aber auch heute nur schwer ertragen.

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Familienchronik

Erprobter Aphorismus für eine Festrede auf der goldenen Hochzeit eines geschätzten Freundes

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“Sind nicht alle langjährig Verheirateten ein bisschen wie Tropfsteine? Gemeinsam hängt man, zu fahler, wulstig-schwieliger Statur erstarrt, in dumpfem Domizil nebeneinander. Längst vergessen jene kurzlebige Jugendglut, als wallende Chemie beide einst Seit’ an Seit’ aus teigigem Kalkstein presste – doch weniger schicksalhafte Bestimmung denn diffuse Naturlaune. Und so tropft man in passiv-aggressiver Übereinkunft Dekaden und Äonen nebeneinanderher – mehr als genug Zeit immerhin, um das immergleiche Geblubber des anderen irgendwann ertragen zu lernen. Daher erhebe ich mein Glas auf Erna und Manfred!”

Kategorien: Aktuelles, Die bessere Gesellschaft, Erbauliches

Die Sonntags-Sophisten. Heute: Das Stil-Ankunft-Problem

Im Park. Herr K. und Herr S. auf einer Bank bei Bieren.

Herr K. (Vage in Richtung des Fahrradweges deutend): Die Frau dort drüben trägt eine Clubjacke im Leopardenmuster. Meines Wissens war so etwas zuletzt in den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts modisch.

Herr S.: Allerdings wäre es unzutreffend, nur aufgrund dieser Beobachtung zu behaupten, die Frau verfüge über kein modisches Bewusstsein. Vielleicht hat sie sich zum Zeitpunkt ihrer Abfahrt nach bestem modischen Wissen und Gewissen gekleidet. Schließlich ist es schlechterdings unmöglich mit Sicherheit zu sagen, wie lange sie schon unterwegs ist.

Herr K.: Möglicherweise ist die Frau ja sogar eine besonders akribische Planerin und hat ihre Garderobenwahl ganz ihrer voraussichtlichen Ankunft angepasst. Dann wäre es völlig gleichgültig, ob ihre Clubjacke während der Reisezeit vielleicht kurzzeitig aus der Mode gerät, solange sie nur wieder schick ist, sobald sie ihr Ziel erreicht hat. Man sagt in der Welt der Mode ja nicht ganz ohne Grund: „Alles kommt irgendwann wieder“.

Herr S.: Dann müsste es uns doch eigentlich möglich sein, die voraussichtliche Ankunft der Dame zu ermitteln. Wir müssten lediglich stilistisch abschätzen, wann eine Clubjacke mit Leopardenmuster aller Voraussicht nach das nächste Mal in Mode kommen wird.

Herr K.: Dann müsste die Fahrradfahrende ihr Ziel grob überschlagen in etwa 18.000 Jahren erreichen. Andererseits: was verstehe ich schon von Mode?

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