Historische Exkurse

Wilder (deutscher) Westen

Die Authentizität der Werke Karl Mais gilt heutzutage bekanntlich weithin als widerlegt. Dabei verlacht man insbesondere die Tatsache, daß seine Version des Wilden Westens letztlich aus ein paar Indianern und ansonsten fast ausschließlich aus deutschen Akademikern besteht. Dabei kann ich Ihnen aus schmerzlicher Erfahrung sagen: Gerade diesbezüglich hat der gute Herr Mai sogar eher noch untertrieben. Ich sage Ihnen eins: Um die Jahrhundertwende waren die amerikanischen Grenzländer in puncto Germanensichtungen teils schlimmer als heutzutage die Balearen! Man machte sich auf den beschwerlichen Weg über den Atlantik, reiste westwärts, befreundete sich mühevoll mit den Indianern, bis sie einen schließlich sogar „weißer Bruder“ nannten — und letztlich entpuppte sich der Häuptling doch wieder nur als Exil-Altphilologe aus dem Breisgau.

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Heute in der Reihe: „Denkwürdige Katastrophen der Sprachwissenschaft“:

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Eine linguistische Forschergruppe entdeckt die erste Nutzwerbewertung des „Google Play Store“ (2019, Künstler unbekannt).

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Der Fenstersturz in der sozialen Medienschau

Nur die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern: 400 Jahre ist es inzwischen her, daß protestantische Aufwiegler kaiserliche Verwaltungsbeamte völlig ohne Rechtsgrundlage aus dem Fenster der Statthalterei auf dem Hradschin zu Prag warfen, eine damals gar nicht so unübliche Form der Ingrimmskundmachung. Und obschon dieser zweite Prager Fenstersturz ein glimpfliches Ende fand – die derart ungebührlich hinausgebetenen Würdenträger landeten angeblich in einem Misthaufen – waren die Implikationen dieser Episode doch nicht ganz unerheblich: Bekanntlich betrachtete man die Chose, aller Situationskomik zum Trotze, wenig humoristisch und führte die nächsten dreißig Jahre einen durchaus ernstzunehmenden Konflikt.

Würde sich dies epochale Ereignis heutzutage zutragen, wäre der Ablauf wohl ein anderer. In dem Fall hätte der umstehende Pöbel vermutlich rasch seine Handfernsprecher gezückt und die Bilder der in den Kuhmist purzelnden Würdenträger wären schnell eine millionenfach geteilte, selbst aufstoßende Miezekatzen übertreffende Tagessensation in den einschlägigen sozialen Netzwerken. Auch die politischen Würdenträger der beteiligten Parteien würden selbstredend via „Twitter“ ebenfalls ihren Senf beimengen und alsbald wäre der Ton schrill und hysterisch, in „Tweets“ und „Retweets“ würde man Zeter und Mordio schimpfen, sich mit Atomkriegen bedrohen – und schließlich zum nächsten Aufreger weiterziehen, während die Fensterszene wohl noch ein paar Jahre als schierer Treppenwitz durch die niedersten Humorgefilde des Internets geistern würde, periodisch geteilt in illustren Gruppen wie „Ich hab kein Humor, aber der is echt zum brülln“, mutmaßlich verziert mit von Kinderhand aufgekritzelten Froschköpfen.

So bleibt uns nun, da wir diese kleine Parabel beschließen, nur die beruhigende Erkenntnis, daß der aufgeklärte Mensch von heute wegen eines banalen Misthaufen-Sturzes sicher nicht zur Waffe greift oder gar das Haus verlässt; dafür wurde früher, und auch das muss man sagen, längst nicht so viel Unsinn erzählt. Auf die nächsten 400 Jahre!

 

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Gelenk und Gesinnung

»Jedenfalls muss diese Nazi-Zeit schon ganz schlimm gewesen sein.«
»Ja, wirklich. Ich meine, man soll ja nicht alles unbesehen glauben, was man liest oder im Fernsehen sieht, aber ich weiß es ja aus erster Hand! Mein Großvater hat mir das alles genau erzählt!«
»Ach, tatsächlich?«
»Ja, natürlich. Er hat in dieser Zeit ja gelitten wie kein anderer. Er sagte immer: „Überall haben mich diese Nazis diskriminiert, wo sie nur konnten“.«
»War er im Widerstand?«
»Das nicht…«
»Oder gehörte Ihr Herr Großvater vielleicht zu einer Randgruppe? Die hatten es ja unter den Nazis besonders schwer.«
»Ja, so war es!«
»Oh! War er Jude?«
»Nein, ich bitte Sie! Das war er nicht und das konnte er auch beweisen!«
»Sinti und Roma?«
»Nein, nein! Er war, naja, sagen wir „gehandicapt“«
»Geistig?«
»Nein. Er hat nur bei diesem Hitlergruß nicht mitgemacht.«
»Ah, so eine Art alltäglicher Protest also?«
»Nein. Ein orthopädisches Leiden.«
»Wie?«
»Naja, er hatte es halt am Ellbogengelenk. Deshalb fiel ihm dieses ständige Armheben ausgesprochen schwer. Das wiederum mochten die Nazis überhaupt nicht. Deshalb haben sie ihm auch beruflich das Fortkommen vermiest, so viel sie konnten.«
»Oh, also quasi wegen seiner Behinderung? Schlimm!«
»Ja, in der Tat! Aber er hat sich davon nicht beirren lassen und dagegen abgekämpft wie ein Löwe.«
»Mutig! Mit Erfolg?«
»Allerdings! Irgendwann hat er erreicht, daß man ihn mit einem amtsärztlichen Attest vom Hitlergruß freistellt. „Darüber habe ich mich noch mehr gefreut als über den Arier-Nachweis“, sagte er immer.«
»Aber ein Gegner blieb er dann doch auch noch, nehme ich an?«
»Nun ja. Er hat natürlich auch dann nicht alles kritiklos gut gefunden. Aber im Gegensatz stand er ja „tendenziell eher orthopädisch als einstellungsmäßig“, wie er immer sagte.«
»Ach so?«
»Naja, wissen Sie, mein Großvater war ja Studienrat. Von der Gesinnung her waren seine Handlungsmöglichkeiten eben noch begrenzter als von den Gelenken.«

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Die „Nazarether Bindung“

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»[…] Für Irritation – ja bisweilen gar für Empörung – bei der Pilgerschaft sorgt noch heute allenthalben die sogenannte „Nazarether Bindung“, welchselbige dereinst als „letzter Schrei“ bei juvenilen Delinquenten galt, von mittelalterlichen Künstlern aber aufgrund ihres keck-lasziven Charakters oft durch den deutlich braveren „Bethlehemer Schurz“ ersetzt wurde. Der berühmte „Sternschnytte unseres Heylants in foler Groeß“, welcher der Erstausgabe der Lutherbibel beilag, präsentierte die originale Schurzbindung erstmals wieder einer breiteren Öffentlichkeit. In der von Papst Leo eilends verfassten Enzyklika „Castae condere obductis“ wurde die Authentizität der gewagten Heilandshüllung energisch bestritten. Freilich konnte er damit nicht mehr verhindern, daß sich der Nazarether Schurz alsbald als beliebtes Freizeitkleidungsstück in den frischreformierten Gebieten durchsetzte. Selbst Luther höchstpersönlich soll ich des Öfteren im neckisch umgeschwungenen Lendengewande präsentiert haben, was allerdings aufgrund der stetig sich mehrenden Leibesfülle des Chef-Evangelen rasch zu einem Abebben jenes frühreformatorischen Modetrends führte.«

Aus: Gunsser, Nikodemus: Von „Size Zero“ bis zum Stigma-Tunnel. Der Heiland am Kreuz als als Stilikone. Tübingen, 1925.

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Weisheit zum Montag

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Andere Zeiten, andere Böller

Heutzutage scheint man das Knallern im urbanen Raum ja nachgerade als erstes Bürgerrecht zu erachten. Früher zog der Deutsche es vor, völlig selbstlos für seine Nachbarn bunte Feuerwerke zu veranstalten. Der Katzenjammer hub dereinst erst an, als die Böller schließlich auch über den heimischen Städten herniedergingen. Wie sich die Zeiten doch ändern.

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Völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Redewendungen

Heute:

„Der Teufel verliert immer beim Strip-Poker.“

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Eine kurze Geschichte des Schwitzens

Wer hierzulande der heilsamen Transpiration frönen will, wird in den allermeisten Fällen eine finnische Saunalandschaft aufsuchen. Nahezu gänzlich aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist hingegen die indianische Schwitzhütte, die heutzutage allenfalls bei esoterisch beseelten Sinnsuchern einigen Anklang findet, ansonsten aber ein eher trauriges Nischendasein fristet.

Dabei schienen die Zukunftsaussichten der Schwitzhütte nach der Entdeckung der neuen Welt geradezu glänzend: Im Gegensatz zum bis Dato bekannten römischen Dampfbad war die indianische Variante nach damaligen Maßstäben für ein Gebäude geradezu unerhört leicht zu transportieren und überdies ausgesprochen günstig in der Anschaffung. Freilich war die damals noch recht schwachbrüstige amerikanische Wirtschaft nicht im Ansatz dazu imstande, die steigende Nachfrage auf der anderen Seite des Ozeans zu bedienen. Eine Marktlücke, die der Altöttinger Kaufmann Kuntz zu Holzhardt alsbald erkannte.

Holzhardt, im Hexenverfolgungs-Boom des 16. Jahrhunderts mit der Produktion von Folterinstrumenten früh zu Wohlstand gelangt, legte 1558 einen eigenen Entwurf für eine “Hutta fur gar wassirig Switz-Vroide” vor. Allerdings hatte Holzhardt bei seiner Schwitzhütte im Vergleich zum Original einige tiefgreifende Änderungen vorgenommen.

Der tiefgläubige Holzhardt wollte in der heidnischen “Ur-Schwitzhütte” einen entscheidenden, mit dem rechten Glauben unvereinbaren Schwachpunkt ausgemacht haben. So war er der Überzeugung, daß es sich für einen guten Christen schlicht nicht schicke, der wonnevollen Körperreinigung zu frönen, ohne dabei in ausgleichender Demut das Antlitz des Herrn schaun zu können – das Haupt des Saunierenden musste sich folglich zu jeder Zeit im Freien befinden. Auch in puncto Formsprache ging der bayerische Visionär eigene Wege. Seine Hütten-Konstruktion orientierte sich an der Tiara – der zeremoniellen Krone des Papstes.

Allerdings unterlief dem sittenstrengen Holzhardt bei seinem Konzept ein entscheidender Fehler: Im Gegensatz zur indianischen Hütte, die durch einen konventionellen Eingang betreten werden konnte, ersann er für seinen Entwurf im Sinne des ästhetischen Gesamtbildes ein elaboriertes System, das aus heutiger Sicht hanebüchen anmuten mag, aber durchaus dem medizinischen Kenntnisstand den 16. Jahrhunderts entsprach: Der Kopf des Schwitzhütten-Besuchers wurde mit einem entschlossenen Ruck mit der Streck-Maschine (selbstredend ebenfalls aus Holzhardts Sortiment) vom Torso getrennt und erst im dann wieder aufgesteckt, wenn der Körper durch ein tunnelähnliches Rohr ins Hütteninnere verbracht worden war.

Was für Holzhardt höchst einträglich war, wurde für die lokale Wirtschaft schnell zum Problem: die vermeintlich frischerholten Lehensnehmer agierten bei der Feldarbeit überraschend kopflos und mussten fast ausnahmslos nach den im Mittelalter üblichen Gepflogenheiten frühverrentet werden.

Gemeinsam mit den ersten Probanden wurde auch die Idee des Gesundschwitzens vorerst begraben. Es sollte noch einige Jahrhunderte dauern, bis sich die Sauna schließlich auch hierzulande durchsetzte.

Holzhardt indes fiel, ganz Tausendsassa, auch nach dieser Schlappe auf die Füße. Er konzentrierte sich wieder aufs Kerngeschäft und konnte seine verhinderte Schwitzhütte nach dem Aufkommen der hochnotpeinlichen Befragung erfolgreich als Folterinstrument vermarkten – und man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, daß die Holzhardt-Hütte trotz ihrer Umwidmung noch so machen Delinquenten gehörig ins Schwitzen brachte.

[Bilder: Oben: Holzhardt mit einem Modell seiner Schwitzhütte. Unten: Zeichnung aus dem originalen Patent-Dokument]

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Die erstaunliche Erfindung der Anal-Arznei

Die Älteren unter Ihnen werden sich gewiss erinnern:
Bereits 1899 erfindet K. Prestorius in Linz das Fieberzäpfchen und entdeckt somit eine völlig neuartige, äußerst effektive, aber zugleich ungekannt unangenehme Form der Arzneimitteldarreichung. Seine revolutionäre Idee kommt ihm der Legende nach bei der Betrachtung alter Holzschnitte mit Darstellungen unter Vlad III. gepfählter Delinquenten.

Leider wäre die kühne Entdeckung beinahe an der leidigen Durchführbarkeit gescheitert: vor der Erfindung des Penicillins ist es schlicht unmöglich, Arzneiwirkstoffe auf eine handliche Größe zu komprimieren. Prestorius freilich lässt sich durch diese Widerstände nicht beirren. Flugs konstruiert er die „κώλος I“ getaufte (Prestorius war gelernter Altphilologe), motorisierte Zäpfchen-Droschke. Unter der Außenhülle aus einem hochwertigen Chinin-Morphin-Gemisch auf Hartfett-Basis ist ein Benz-Viertaktmotor mit drei Pferdestärken verbaut. Ein Zäpfchen mit Verbrennungsmotor – was aus heutiger Sicht vielleicht etwas bizarr anmuten mag, ist damals schob ob der schieren Größe der torpedoförmigen Anal-Arznei unabdingbar. Nur auf diesem Weg ließ sich eine korrekte Verabreichung sicherstellen.

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Die motorisierte Anal-Arznei des K. Prestorius

Am 29. April 1889 kommt es auf einem Streckenabschnitt der Semmeringbahn zum ersten Härtetest. Unter Zuhilfenahme des starken Gefälles gelingt es Prestorius, auf eine damals schier haarsträubende Spitzengeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern zu beschleunigen – ein neuer Rekord für die gesamte Region unter der Enns.

Auch die angedachte Applikation ist gelingt fast zur Gänze: Dem strategisch an der Ziellinie platzierten Schüttelfrost-Patienten, Herrn Landeskassendirektor Brunz, kann der Wirkstoff mindestens zur Hälfte verabreicht werden, bevor sein Perineum vor dem ungewohnten Anpressdruck kapituliert. Ein Teilerfolg. Außerdem erhält Prestorius so die Möglichkeit, mitsamt seiner nur halb geschmolzenen Konstruktion unter frenetischem Jubel des begeisterten Publikums eine Ehrenrunde zu drehen.

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Eine Zeit kühner Männer in fahrenden Arzeimitteln

Insgesamt muss man wohl festhalten: so banal die damaligen Geschehnisse aus heutiger Sicht auch erscheinen mögen – Prestorius‘ Ur-Zäpfchen war das erste Medikament, das aus eigener Kraft einen Wettkampf gewann. Wenn Sie also demnächst bei einer Olympiade den Siegeszug eines Athleten bewundern, den er ganz zweifellos einem brandneuen Präparat verdankt, so bedenken Sie: ein kinderleicht einführbares Zäpfchen ist beileibe keine Selbstverständlichkeit.

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