Eine kurze Geschichte des Schwitzens

Wer hierzulande der heilsamen Transpiration frรถnen will, wird in den allermeisten Fรคllen eine finnische Saunalandschaft aufsuchen. Nahezu gรคnzlich aus der รถffentlichen Wahrnehmung verschwunden ist hingegen die indianische Schwitzhรผtte, die heutzutage allenfalls bei esoterisch beseelten Sinnsuchern einigen Anklang findet, ansonsten aber ein eher trauriges Nischendasein fristet.

Dabei schienen die Zukunftsaussichten der Schwitzhรผtte nach der Entdeckung der neuen Welt geradezu glรคnzend: Im Gegensatz zum bis Dato bekannten rรถmischen Dampfbad war die indianische Variante nach damaligen MaรŸstรคben fรผr ein Gebรคude geradezu unerhรถrt leicht zu transportieren und รผberdies ausgesprochen gรผnstig in der Anschaffung. Freilich war die damals noch recht schwachbrรผstige amerikanische Wirtschaft nicht im Ansatz dazu imstande, die steigende Nachfrage auf der anderen Seite des Ozeans zu bedienen. Eine Marktlรผcke, die der Altรถttinger Kaufmann Kuntz zu Holzhardt alsbald erkannte.

Holzhardt, im Hexenverfolgungs-Boom des 16. Jahrhunderts mit der Produktion von Folterinstrumenten frรผh zu Wohlstand gelangt, legte 1558 einen eigenen Entwurf fรผr eine โ€œHutta fur gar wassirig Switz-Vroideโ€ vor. Allerdings hatte Holzhardt bei seiner Schwitzhรผtte im Vergleich zum Original einige tiefgreifende ร„nderungen vorgenommen.

Der tiefglรคubige Holzhardt wollte in der heidnischen โ€œUr-Schwitzhรผtteโ€ einen entscheidenden, mit dem rechten Glauben unvereinbaren Schwachpunkt ausgemacht haben. So war er der รœberzeugung, daรŸ es sich fรผr einen guten Christen schlicht nicht schicke, der wonnevollen Kรถrperreinigung zu frรถnen, ohne dabei in ausgleichender Demut das Antlitz des Herrn schaun zu kรถnnen – das Haupt des Saunierenden musste sich folglich zu jeder Zeit im Freien befinden. Auch in puncto Formsprache ging der bayerische Visionรคr eigene Wege. Seine Hรผtten-Konstruktion orientierte sich an der Tiara – der zeremoniellen Krone des Papstes.

Allerdings unterlief dem sittenstrengen Holzhardt bei seinem Konzept ein entscheidender Fehler: Im Gegensatz zur indianischen Hรผtte, die durch einen konventionellen Eingang betreten werden konnte, ersann er fรผr seinen Entwurf im Sinne des รคsthetischen Gesamtbildes ein elaboriertes System, das aus heutiger Sicht hanebรผchen anmuten mag, aber durchaus dem medizinischen Kenntnisstand den 16. Jahrhunderts entsprach: Der Kopf des Schwitzhรผtten-Besuchers wurde mit einem entschlossenen Ruck mit der Streck-Maschine (selbstredend ebenfalls aus Holzhardts Sortiment) vom Torso getrennt und erst im dann wieder aufgesteckt, wenn der Kรถrper durch ein tunnelรคhnliches Rohr ins Hรผtteninnere verbracht worden war.

Was fรผr Holzhardt hรถchst eintrรคglich war, wurde fรผr die lokale Wirtschaft schnell zum Problem: die vermeintlich frischerholten Lehensnehmer agierten bei der Feldarbeit รผberraschend kopflos und mussten fast ausnahmslos nach den im Mittelalter รผblichen Gepflogenheiten frรผhverrentet werden.

Gemeinsam mit den ersten Probanden wurde auch die Idee des Gesundschwitzens vorerst begraben. Es sollte noch einige Jahrhunderte dauern, bis sich die Sauna schlieรŸlich auch hierzulande durchsetzte.

Holzhardt indes fiel, ganz Tausendsassa, auch nach dieser Schlappe auf die FรผรŸe. Er konzentrierte sich wieder aufs Kerngeschรคft und konnte seine verhinderte Schwitzhรผtte nach dem Aufkommen der hochnotpeinlichen Befragung erfolgreich als Folterinstrument vermarkten – und man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, daรŸ die Holzhardt-Hรผtte trotz ihrer Umwidmung noch so machen Delinquenten gehรถrig ins Schwitzen brachte.

[Bilder: Oben: Holzhardt mit einem Modell seiner Schwitzhรผtte. Unten: Zeichnung aus dem originalen Patent-Dokument]

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Kategorien: Aktuelles, Historische Exkurse

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