Monatsarchiv: Dezember 2017

Danse macabre ins neue Jahr

In wenigen Stunden ist es wieder soweit: Das siech darniederliegende Seuchenjahr wird mit ohrenbetäubendem Geknalle und unmäßigem Alkoholabusus standesgemäß verabschiedet. Freilich: seine rituelle Bedeutung hat der mitternächtliche Radau schon längst eingebüßt. Wollte man in grauer Vorzeit hauptsächlich die ungeliebten Geister des alten Jahres verjagen, noch bevor sie auch das kaum dem Schoße der Ewigkeit entschlüpfte Neujahr mit ihren Heimsuchungen zu peinigen vermochten, so hält man dergleichen heutzutage für vorzeitlichen Aberglauben und lässt lieber gedankenlos ähnliche Quantitäten an Barschaften und Gehirnzellen mitsamt dem scheidenden Annum in übelriechendem Schwarzpulverdunst und schaumweinumwölktem Delirium tremens verglimmen. Welch fatale Ignoranz!

Ja, Sie lesen recht: Die bösen Geister der Vergangenheit sind nicht nur sehr real, sondern heutzutage sogar präsenter denn je. Nur zu: horchen Sie, schnuppern Sie. Können Sie ihn fühlen, den dumpfen Hauch der Verwesung, der sich jetzt, genau in diesem Moment, über Ihre traute Stube legt? Freund Hein hat es sich längst neben Ihnen auf dem Sofa bequem gemacht – und mit ihm alljene Gespinste der deutschen Fernsehunterhaltung, die Sie längst tot und begraben wähnten.

dinner

Ganz recht: das vermeintliche “Programmfeuerwerk” auf allen Sendern ist tatsächlich nicht viel mehr als ein ungelenker Danse macabre, dessen Ouvertüre, eine allenfalls mittelkomische Stolper-Klamotte aus England, den Zuseher bereits durch ihre schiere Altbekanntheit in einen heimtückischen Schlummer wiegt. Derart eingelullt (und sowieso bereits einschlägig vorbetrunken) ist der ahnungslose Chaiselongue-Apathiker leichte Beute für eine Schaar zombifizierter Schreckensgestalten, die nunmehr im Halbstundentakt aus dem Krypten der leichten Unterhaltung zum Fernsehschirm emporsteigen: ob Harald Juhnke, Dieter Krebs, Rudi Carrell oder das Ekel Alfred – kein Spaßmacher der piefigen Bundesrepublik bleibt am Silvesterabend unexhumiert. Auch die gerade noch Lebendigen vom Schlage eines Roberto Blanco, die man für eine obligatorische Pilawa-Unterhaltungssendung mühsam zurück ins Wachkoma rüttelt, können kaum über die Tatsache hinwegtäuschen, daß im deutschen Silvester-Fernsehen nicht der Frohsinn, sondern die Fäulnis Programm ist.

Wenn heute also kurz vor Mitternacht Johannes B. Kerner, von der Spider Murphy Gang auf der alten Leier adäquat begleitet, das verflossene Jahr routiniert abmoderiert, dann sollten auch Sie einige Minuten für ein kurzes Innehalten reservieren. Wenn dann alsbald die lauten Böllersalven einsetzen, gedenken Sie kurz und innig der ursprünglichen Bewandtnis des Feuerwerks, das neben lustigem Farbspiel und traumhaften Feinstaubwerten eben in allererster Linie die bösen Geister längst vergangener Tage wieder in ihre Särge scheucht. Ich darf Ihnen versichern: eher früher als später gibt es ein Wiedersehen. Allerspätestens am 31.12.

Advertisements
Kategorien: Aktuelles, Baron Friedels aristokratischer Almanach, Redliches Fernsehprogramm

Bisherige Feiertagsbilanz

Heiligabend: “Ochs-und-Esel-Ragout in Gottesmutter-Milch” (Mit Camenbert überbackene Würfel vom Maulesel in sämiger Ochsen-Fettbemmen-Gorgonzola-Sauce. Dazu eine grüne Beilage aus in Speck ausgelassenen Polenta-Röschen, garniert mit karamellisierten Spinatstreifen. Zum Nachtisch: Creme “Krippenstroh” (Im rustikalen Holzeimer gereichte, mit Nusslikör flambierte Dessert-Variation aus Nougat und Kuvertüre am Stück, dekoriert etwa achtzehn “Strohhalmen” aus Snickers-Riegeln, fünfundzwanzig Eigelb sorgen für die charakteristische Farbe).

Erster Feiertag: Gänsebraten “Betlehem” (auch als das “jüngste Gericht” bekannt: Mit Maronen, Walfischtran und Foie gras gefüllte, mit Coca-Cola eingeriebene Fettgans). Dazu “Pommfritz Italia” (in Mini-Pizza “Vierkäse” eingerollte Chili-Käse-Pommfritz, dekoriert mit in Sternform geschnittenen “Holobolo”-Currywurst-Scheibchen). Hernach ein thematisch passendes Dessert: Parfait “Dreikönig” (In einer Buttercreme Minze, Myrrhe und Salbei angeschwitztes Schoko-Trockenobst mit Erdnuss-Einscreme und Sahne).

Zweiter Feiertag: traditionell die Reste aus allem, allerdings in diesem Jahr fein püriert und auf eine schöne Palmin-Stulle gestrichen, obendrauf noch ein “Toast Hawaii”, überbacken mit einer Hollandaise-Fresubin-Bechamel.

Konstatiere: wie schon im letzten Jahr abermals bis zum Abend des zweiten Feiertages durchgehalten. Noch bin ich allerdings ein wenig unsicher, ob ich die Ambulanz, oder doch lieber sogleich den Leichenwagen verständigen sollte. Auch der Herr von der Telefonseelsorge prüft die Faktenlage derzeit noch kritisch. Insgesamt darf ich aber auch in diesem Jahr ein positives Resümee ziehen. Man möchte nämlich kaum glauben, wie intensiv man das Wunder der Weihnacht am ganzen, sich windenden Leibe empfindet, wenn zahlreiche Embolien und Koliken die Sicht trüben und den Geist empfänglich machen für Erscheinungen und Wunderdinge aller Art, erst recht, wenn man dazu in etwa zehn Fläschlein “Sechsämtertropfen” verköstigt.

Kurzum: je nach Ausgang liest man sich nach meiner obligatorischen Kur. Oder auch nicht, sapperlot!

Kategorien: Aktuelles, Das Christfest

Der Ungeist der Weihnacht

scrooge

Heute erschien mir des Nachts ein etwas amorpher Herr, der sich zwar zunächst als „Geist der Weihnacht“ vorstellte, sich bei näherem Hinsehen aber ganz eindeutig als mein vor Jahresfrist verstorbener Freund und Kompagnon Dr. Horst Brezner herausstellte. Allerdings bot er in der Tat einen gespenstischen Anblick: über und über war er mit Ketten behängt, verbreitete einen gar pestilenten Muff und wirkte auch sonst nur wenig geschäftsfähig. Noch während er von „Umkehr“, „drei weiteren Geistern“ und ähnlichem Schwachsinn schwadronierte, kam mir siedendheiß in den Sinn, daß ich diesem ausgemachten Nassauer bereits Jahre vor seinem Ableben generöserweise drei Euro geborgt hatte.
Nachdem ich den spukenden Schnorrer mit angemessen donnernder Stimme von diesem Umstand unterrichtete, schien die Brandrede Brezners jedenfalls bereits einige Vehemenz einzubüßen. Sichtlich verunsichert gemahnte er nochmals, ich solle „nicht so enden wie er“, worauf ich brüllend versetzte, daß „ich meine Rechnungen zu zahlen pflege“ und ihn zugleich attestierte, als Geist „weit weniger furchterregend denn als Halsabschneider“ zu sein.

Worauf ich mit dieser Etüde überhaupt hinaus will? Nun, lassen Sie mich zum Punkt kommen: Das letzte Hemd hat eben DOCH Taschen! So kam ich in meiner Eigenschaft als anständiger Herr nach Jahren doch noch zu meinen längst verloren- und beerdigtgeglaubten drei Euro. Wann, so muss man mit einigem Recht fragen, war der Geist der Weihnacht je lebendiger?
Wünsche weiterhin ein Frohes, etc. pp.

Kategorien: Aktuelles, Das Christfest

Ausgepackt und genossen

kammplatte.png

Haben Sie Ihre Geschenke bereits geöffnet? Ja? Dann wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, daß einer Ihrer Verwandten genug Umsicht besaß, Sie mit meiner Weihnachts-Langspielplatte „Weihnachten mit Baron von Friedel & seinem Kamm“ zu bedenken. Dann nämlich dürfen Sie sich nunmehr entspannt zurücklehnen und versonnen lauschen, wie ich die größten Klassiker der Weihnachtsmusik virtuos auf dem Kämm-Werkzeug zum Besten gebe. Mit dabei sind selbstverständlich auch saisonale Gassenhauer wie „Ratatatatam“, „Täterätätä“, „Schlummdidischlumm“ – und natürlich auch „Tschingderassabum“. Wer da keine schöne Bescherung hat, ist vermutlich völlig ohne Geschmack.
Frohes Fest!

Kategorien: Aktuelles, Das Christfest

Die Hölle: Das urbane Blutgericht

Jetzt, da ich im wohltemperierten Eigenheim sitze, gilt mein ganzes Mitgefühl jenen bedauernswerten Individuen, die bei diesen unmenschlichen Temperaturen der klirrenden Kälte fast schutzlos ausgeliefert sind. Jedes Jahr zur Winterzeit rotten sich diese armen Seelen an öffentlichen Plätzen in tumultartigen Ansammlungen zusammen, dicht an dicht pferchen sie auf ihrer verzweifelten Suche nach zumindest etwas wohliger Wärme ihre schlotternden Leiber aneinander, die jammerbleichen Fratzen nur von einer fahlen, in Kehricht-Tonnen geschürten Glut erhellt, in der man hektoliterweise Domestos (oder preiswertere WC-Reiniger) erhitzt und dieses sodann möglichst im siedend in die schrunde Kehle gießt. Befeuert wird diese hurtige Zerschindung der eigenen Innerei durch den Verzehr von allerlei verkochten, meist in billigem Zucker gewälzten Scheußlichkeiten, die schmutzkittelige Panscher in windschiefen Bretterbuden über eher Schlammherden gleichenden Kochstellen zusammenmatschen. Hie und da kakophonieren aus kratziger Konserve eingespielte Bläsersalven durchs knallenge Rund und vereinen sich mit dem jaulenden Ostwind zu einer fast zärtlichen Liebesdissonanz.

Setzt langsam die Dämmerung ein, beginnen von umsichtigen Stadtplanern installierte Lichterketten ihr Werk, wie dürre Weidenäste hängen sie unheilschwanger über dem Ort des Geschehens und befunkeln ihn, ein Fanal des Elends, mit neongrellem Licht, jeden zufällig vorbeiflanierenden Passanten, sofern er noch einigermaßen bei Sinnen ist, hochnotpeinlich der möglichst weiträumigen Umgehung jenes urbanen Blutgerichts gemahnend. Dann erst, zu vorgerückter Stunde, treten die widerwärtigsten Ausgeburten auf den Plan, nämlich die skrupellosen Profiteure, die den inzwischen nahezu urteilsunfähigen Besinnlichkeits-Schluckern mit überteuert feilgebotenem Tand und Kitsch, geschnitzt meist von fahriger Morphinistenhand, die letzten armseligen Holzpfennige aus der Tasche ziehen.

Kurzum: Man wird in unseren Städten und Dörfern kaum eine ebenso allgegenwärtige wie verheerende humanitäre Notsituation vorfinden. Wann, so muss man fragen, ja, wann endlich wird die Regierung etwas gegen diese Weihnachtsmärkte unternehmen?

Kategorien: Aktuelles, Das Christfest, Diabolisches

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.