Monatsarchiv: Januar 2017

venire ad nihilum

Wer das Glück hatte, sich noch in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts als stolzer Besitzer eines Duschbades zu bezeichnen, wird sich noch bestens an die funktionale Einfachheit einer solchen Einrichtung erinnern: Meist beinhaltete diese seit Jahrzehnten bewährte Anlage, nicht selten eingerahmt von Fliesen in dezent gedimmten Signalfarben, alles Notwendige, was der Reinigungsbedürftige zum Abbrausen der zu Schweiß oder Talg geronnenen Beiprodukte des alltäglichen Abnutzungsgefechts dringend benötigte.

abzieher

Aus dem meist überall sehr ähnlich geformten Duschkopf schoss ein kräftiges Bündel von Strahlen, deren firm auf die Haut preschende Stringenz vielleicht im ersten Moment auf den Dusch-Delinquenten einschüchternd gewirkt haben mag. Zweifellos: Ein gerüttelt Maß an Überwindung musste, gerade an Morgen, durchaus aufgebracht werden, bevor man sich den reinigenden Fluten hingab; belohnt wurde man mit einem Gefühl gründlichster Sauberkeit, das sich nur umso kathartischer ausnahm, je weiter man mit dem Strahl in die sonst kaum für verirrte Sonnenstrahlen – und erst recht nicht für hochnotpeinlich bohrende Finger – zugänglichen Körperritzen vorgedrungen war.

Ebenfalls ein unverzichtbares Mitglied des Bad-Inventars: der Duschvorhang, auch er ein Musterbeispiel unprätentiöser Pflichterfüllung. Unaufgeregt erfüllte er die ihm einzig zukommende Dienstpflicht der möglichst zuverlässigen Spritzwasserminimirung (am Rade war er natürlich noch Sichtschutz) und gestatte sich dabei die eine Extravaganz, zuweilen mit einem Muster bedruckt zu sein, das in seiner ausgesuchten Scheußlichkeit mit den Fliesen der Marke „Villeroy & Boch“ in direkter Konkurrenz stand. Wurden die nahezu unvermeidlichen Zipperlein der Duschtextil-Vergreisung allzu manifest (meist Schimmelbefall oder unschöne Kalkflecken), so schickte man den verdienten Vinyl-Behang bedenkenlos in den Ruhestand und ersetzte ihn kurzerhand durch ein fabrikneues Exemplar. Ein bewährtes Prinzip, das beispielsweise auf dem Arbeitsmarkt seit jeher blendend funktionierte – und es noch immer tut.

Dem einst so utilitaristisch-simplen Ort der täglichen Bebrausung war eine solche Konstanz hingegen keineswegs vergönnt. Vielmehr erlebte er einen Wandel von erstaunlicher Radikalität, der bei näherer Betrachtung in krassem Missverhältnis zum angenehm betulichen Reformstau deutscher Prägung steht.

Die Misere beginnt bereits beim Duschkopf, der weiland noch selbst den bockbeinigsten Klabusterbeer-Strauch mühelos mitsamt der Wurzel hinfortbrauste. Heutzutage begegnet dem Reinigungsbeseelten meist ein überdimensioniertes, löffelähnliches Konstrukt, dem ein lauer Tröpfelregen entweicht, nicht ganz unähnlich dem zögerlichen Urinfluss eines Prostata-Patienten. Ob das erklärte Ziel, nämlich ein „Wohlfühlerlebnis für Körper und Seele“, dabei erreicht wird, sei einmal dahingestellt. Fakt ist jedenfalls: ohne eine Wurzelbürste wird nicht einmal der Körper, erst recht nicht die Seele sauber.

Seinen unbestrittenen Gipfel erreicht der zivilisatorische Regress allerdings mit jedem Unding, welches uns die Folterknechte der modernen Badgestaltung uns als Spritzwasserschutz zudenken. Ganz einerlei, ob im heimischen Bad die Duschmöglichkeit auch als Badewanne fungiert, oder eine dezidierte Kabine vorhanden ist: fast überall musste der altbewährte Duschvorhang einem wie auch immer gearteten Plexiglas-Konstrukt weichen, mit überraschend weitreichenden Konsequenzen. Denn nicht nur sind diese Kabinen Aufgrund ihrer fast vollständigen Durchsichtigkeit schon als Sichtschutz völlig ungeeignet – sie sind außerdem HÖCHST anfällig auf Spritzwasser jedweder Intensität. Nahezu jeder Tropfen, der sich auf die Glastür verirrt, hinterlässt einen unschöne Kalkrückstände, die sich im großen Ganzen nach etwa einer Woche zu einem schmutzig-milchigen Film auf der Türoberfläche verdichten.

Doch der Badkonstrukteur moderner Prägung hat selbstverständlich auch für diesen Mißstand eine gewitzte Lösung erdacht. So trifft es sich, daß sich inzwischen in nahezu jedem Duschbad eine dieser Gerätschaften findet, die man sonst hauptsächlich im Repertoire eines Fensterputzers vermutet, hier einmal behelfsweise „Abzieher“ genannt. Meist wird das Utensil von der umtriebigen Hausfrau an taktisch wohl gewählter Stelle platziert, um auch den Gast subtil an das erste und oberste Gebot des modernen Duschens zu gemahnen, das da in Kalk gemeißelt lautet: „DU SOLLST DIE DUSCHKABINE GLEICH NACH DEM DUSCHEN ABZIEHEN“.

Und so sieht man sie allenthalben abziehen, honorige Herrschaften, Doktoren, Professoren gar: wie begossene Pudel stehen sie in ihren Duschen, nackt und frierend verrichten sie die ihnen vom Massengeschmack auferlegte, traurige Fron. Und sollten dereinst die Maschinen vermittels künstlicher Intelligenz ein Bewusstsein erlangen, so ist es wohl ihr Glück, daß ihnen zur Körperhygiene ein Fläschchen Metall-Politur ausreicht. Die Reinigung der Plexiglas-Kabinen bleibt wohl auch dann der versklavten Menschheit überlassen – dieser Vorgang ist selbst für eine Automatisierung zu dämlich.

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Kategorien: Aktuelles, Gesundheit

Die Operetten-Kasernierung

Inzwischen ist es zur zweifelhaften Sitte geworden, alle Jahre wieder den in besonders negativer Weise aktenkundigen Ausschuss der deutschen Selbstdarstellerzunft im sonst weitgehend primatenfreien australischen „Dschungel“ zu internieren. Läppische zwei Wochen gibt er sich dort der Lächerlichkeit preis – und wird für seine Mühen sogar noch finanziell entschädigt.

Früher wäre eine derart zuvorkommende Behandlung einschlägiger Lustspiel-Verbrecher kaum denkbar gewesen. Die Älteren unter Ihnen werden sich in diesem Zusammenhang vielleicht an das Panoramagefängnis „Zum weißen Rössl“ im schönen Salzkammergut erinnern.

idylle

Die augenscheinliche Idylle trügt: das „Rössl“ galt damals als sittenstrengste Vollzugsanstalt für bei Kaiser und Hof wegen mangelnden Talents in Ungnade gefallene Mitglieder der Operettendarsteller-Zunft, bei ihren Insassen war sie als „Hölle der pittoresken Pein“ berüchtigt.

Ein gewöhnlicher Tag im „Rössl“ begann mit den ersten Technicolor-Sonnenstrahlen und dem fidelen Blasen der Jagdhörner zum Frühschoppen-Appell. Zum Spaßen war schon zu früher Stunde niemand aufgelegt – bei den Wärtern achte man schon bei der Einstellung peinlich auf eine angemessen rührselige Temperamentslage.

Überhaupt traf den Neuankömmling sogleich die ganze Wucht des Trivialen: Ob bei der täglichen Dreivierteltakt-Gymnastik vor malerischem Panorama oder der gemeinsamen Gstanzl-Rezitation auf sattgrüner Bergwiese – ein geplantes Abgleiten ins Kitschige war fester Bestandteil des ausgeklügelten Vollzugskonzepts.

Auch angewandte Heiterkeit stand ganz regelmäßig auf dem Programm: Intonierte ein Mitglied des Wachspersonals bei der Zellenkontrolle eine wonnige Spontan-Arie, so hatte jeder Insasse unverzüglich im Chor miteinzustimmen – allzu verbohrten Trauerklößen drohte postwendend der Gang ins „Maxim“ (So bezeichnete der Häftlingsjargon die nur von herzförmigen Gucklöchern erhellte Einzelhaftzelle).

Einmal pro Monat war jedem Häftling gestattet, Besuch von seiner Liebsten zu empfangen (hatte er selbst keine, so wurde ihm auf Anstaltskosten eine gestellt). Doch auch hier waren strenge Regeln einzuhalten. Das Protokoll sah einen leidenschaftlich geführten Beziehungsstreit vor, zu dessen Untermalung jederzeit ein Orchester für dramatisch-schrille Streichersätze bereitstand. Hernach sah das Protokoll einen leidenschaftlichen Versöhnungskuss vor (Mindestdauer: fünf Minuten). Der Gefängnisgeistliche blickte solange verschämt grienend in die Zimmerecke zum ebenfalls betont desinteressierten Heiland am Kreuz.

Fluchtversuche waren übrigens von vornherein zwecklos. Wer die Operette oder den Heimatfilm auch nur im Ansatz studiert hat, der weiß: Auch wenn es bisweilen zu leichten Verwicklungen kommt – am Ende wendet sich immer alles zum Guten.

Trotz anfänglicher Zweifel an den drakonischen Methoden gab der Erfolg dem „Rössl“ schließlich Recht: Mit Jopie Heesters und Peter Alexander eroberten zwei ehemalige Insassen später sogar die deutsche Welt im Sturm.

Der langen Rede kurzer Sinn: Auch ein Strafvollzug für abgehalfterte Knallchargen muss sinnvolle Perspektiven zu Resozialisierung anbieten. Dann ist möglicherweise selbst die deutsche Unterhaltungslandschaft noch zu retten.

Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

Energiegewinnung aus Ketzern nach der dick’schen Methode

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Auch in dieser Woche ist die Sonntagsausgabe des „Bad Friedelruher Waldpfeiffers“ ein wahrer Lesegenuss. Besonders die allwöchentliche Kolumne von Schwester Dick hat es mir angetan, da sie neben theologischen Denkanstößen auch praktische Ratschläge für Heim und Garten enthält. Den heutigen will ich Ihnen keinesfalls vorenthalten:

“ (…) Gerade in der kalten Jahreszeit versammelt sich die ganze Familie bekanntlich gerne um das wärmende Feuer des wohlig glimmenden Scheiterhaufens. Aber wussten Sie schon, dass man aus Ketzern auch ganz einfach umweltfreundlichen Strom gewinnen kann? Laden Sie einfach ein paar von diesen halbstarken Nihilisten zum Tee ein und lassen sie die fehlgeleiteten Seelen einige Passagen aus blasphemischen Pamphleten wie Nietzsches „Zarathustra“ rezitieren. Sie werden sehen: Bald macht es „Rumms!“ – und es blitzt und knallt mit heiligem Zorn auf den jämmerlichen Sünder hernieder, dass es das Herz erwärmt und den Lithiumspeicher auflädt. So lohnt im übrigen auch endlich die Nietzsche-Lektüre und die Stromrechnung erreicht ganz ohne Solarzelle einen rekordverdächtigen Tiefstand. Da soll noch einer sagen, der Herr verstünde nichts von Nachhaltigkeit. Hurra und Halleluja!“

Kategorien: Aktuelles, theologische Meditationen

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