Der Fenstersturz in der sozialen Medienschau

Nur die Γ„lteren unter Ihnen werden sich erinnern: 400 Jahre ist es inzwischen her, daß protestantische Aufwiegler kaiserliche Verwaltungsbeamte vΓΆllig ohne Rechtsgrundlage aus dem Fenster der Statthalterei auf dem Hradschin zu Prag warfen, eine damals gar nicht so unΓΌbliche Form der Ingrimmskundmachung. Und obschon dieser zweite Prager Fenstersturz ein glimpfliches Ende fand – die derart ungebΓΌhrlich hinausgebetenen WΓΌrdentrΓ€ger landeten angeblich in einem Misthaufen – waren die Implikationen dieser Episode doch nicht ganz unerheblich: Bekanntlich betrachtete man die Chose, aller Situationskomik zum Trotze, wenig humoristisch und fΓΌhrte die nΓ€chsten dreißig Jahre einen durchaus ernstzunehmenden Konflikt.

WΓΌrde sich dies epochale Ereignis heutzutage zutragen, wΓ€re der Ablauf wohl ein anderer. In dem Fall hΓ€tte der umstehende PΓΆbel vermutlich rasch seine Handfernsprecher gezΓΌckt und die Bilder der in den Kuhmist purzelnden WΓΌrdentrΓ€ger wΓ€ren schnell eine millionenfach geteilte, selbst aufstoßende Miezekatzen ΓΌbertreffende Tagessensation in den einschlΓ€gigen sozialen Netzwerken. Auch die politischen WΓΌrdentrΓ€ger der beteiligten Parteien wΓΌrden selbstredend via „Twitter“ ebenfalls ihren Senf beimengen und alsbald wΓ€re der Ton schrill und hysterisch, in „Tweets“ und „Retweets“ wΓΌrde man Zeter und Mordio schimpfen, sich mit Atomkriegen bedrohen – und schließlich zum nΓ€chsten Aufreger weiterziehen, wΓ€hrend die Fensterszene wohl noch ein paar Jahre als schierer Treppenwitz durch die niedersten Humorgefilde des Internets geistern wΓΌrde, periodisch geteilt in illustren Gruppen wie „Ich hab kein Humor, aber der is echt zum brΓΌlln“, mutmaßlich verziert mit von Kinderhand aufgekritzelten FroschkΓΆpfen.

So bleibt uns nun, da wir diese kleine Parabel beschließen, nur die beruhigende Erkenntnis, daß der aufgeklÀrte Mensch von heute wegen eines banalen Misthaufen-Sturzes sicher nicht zur Waffe greift oder gar das Haus verlÀsst; dafür wurde früher, und auch das muss man sagen, lÀngst nicht so viel Unsinn erzÀhlt. Auf die nÀchsten 400 Jahre!

 

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Kategorien: Historische Exkurse, Zur Weltpolitik

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