Monatsarchiv: Juli 2018

Bald im Fernsehen: „Pfiff der Lunge“

pfiffderlunge

Allüberall wird derzeit über eine mögliche Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks diskutiert. In meinen Augen nicht ganz zu Unrecht, hat man doch insbesondere bei den gebührenfinanzierten Fernsehanstalten inzwischen sträflich jenen Bildungsauftrag aus den Augen verloren, der ihr sündteures Dasein ja eigentlich erst legitimiert. Längst ist das mahnende Fernsehspiel allüberall der leichten Unterhaltung gewichen, während endlose Gesprächssendungen als Feigenblatt den Blick auf die über­bor­dende Einschaltquotenorientierung verstellen sollen. Kurzum: So kann es nicht weitergehen!

Dabei wäre es doch mehr als simpel, der allgemeinen Einfalt intelligente Formate entgegenzusetzen, die zwar durchaus modern sind, der Jugend aber trotzdem den Weg zum Studium klassischer Stoffe weisen. Kurzum: Es ist wohl wieder einmal an mir, dem Abendland mit virtuoser Feder zur Rettung zu eilen. Lesen Sie hier ein Handlungs-Outline der ersten Episode meiner Rückbildungs-Telenovela “Pfiff der Lunge”, die den Stoff von Thomas Manns “Zauberberg” ebenso unterhaltsam wie informativ aufgreift. Schon die erste Folge, so viel sei schon im Voraus verraten, hat es durchaus in sich.

Der vielversprechende, wenngleich etwas schwärmerisch veranlagte Student José Castorp (Bachelor, Wirtschaftsingenieurwesen) macht sich eines Tages allein mit seiner Tasche aus Krokoimitat (Urban Outfitters), ein Geschenk seines Stiefvaters und Kumpels, Bankvorstand Dr. Tienappel, auf den Weg ins Sanatorium „Gourmet- und Wellness-Ressort Berghof“, einer romantisch-verwunschenen, aber liebevoll sanierten und mit modernem Spa-Bereich ausgestatteten Schlossruine in den Dolomiten und begegnet dort der oberflächlich biestigen, im Grunde aber herzensguten Krankenschwester Claire Chauchat, die eigentlich schon seit Jahren selbst unter einer Salon-TBC leidet, dies aber vor aller Welt geheim hält, um im Kreise der Patienten den Übeltäter zu identifizieren, der sie als im Alter von zarten 17 in einer stürmischen Liebesnacht hinter dem Bierzelt des Bruschenvereins mit der teuflischen Lust- und Lungenseuche infizierte. Castorp fühlt sich schon beim allerersten Treffen “irgendwie so” zu Schwester Claire hingezogen, was er sich erst kaum erklären kann, später aber auch nicht so richtig. Sie ähnelt wohl ein bisschen seinem Jugendschwarm Lady Gaga. Allerdings ist Claire schon hoffnungslos mit dem Niederländischen Energy-Drink-Produzenten Mynheer Pieter van der Vaart liiert, was wiederum Castrops Cousin, der Social-Media-Manager Hansjörg Ziemßen, zum Anlass nimmt, ihn via Messenger und Whatsapp eindringlich vor den Reizen der wollüstig keuchenden Schwester Claire zu warnen, die er für eine schlechte Partie hält, da sie “nicht mal studiert” hat. Allerdings kann auch er nicht verhindern, daß die beiden Protagonisten sich beim Stationsfasching näherkommen, die nach fünf Jackie-Cola einigermaßen sturzbesoffene Claire Castorp schließlich sogar ihre Krankheit gesteht und ihm überdies noch in derselben Nacht als Zeichen ihrer Verbundenheit ein Röntgenbild ihrer Lunge in die Timeline postet, was Castorps Kommilitonen Pietro Settembrini dazu veranlasst, sie in drei seiner merkelkritischen Postings zu markieren. Das wiederum ruft Sascha Naphta auf den Plan, der in mindestens fünf antifaschistischen Gruppen aktiv ist und eine sogar selbst verwaltet. Die beiden liefern sich daraufhin ein intensives Duell in der Kommentarspalte, während Castrop bereits beginnt, die Vorzüge des kommoden Spa-Bereichs und die ersten Anzeichen einer Wohlstands-Tropenkrankheit zu entdecken. Der Zuschauer hingegen fragt sich unversehens: Werden die beiden je zueinanderfinden – insbesondere aber: wird das alles je auch nur irgendeinen Sinn ergeben?

Wird es natürlich nicht. Freilich werden Castorps sieben Wellness-Jahre im in sieben seelenstreichelnden Staffeln trotzdem detailliert beleuchtet, während die Buchvorlage die letzten sechseinhalb Jahre aus Platzgründen nur gerafft wiedergibt. Die Langeweile, die auch der Zuschauer unweigerlich verspürt, wenn er die Protagonisten beim Aufnehmen von Selfies, Spielen von “Play to Win”-Spielen und dem posten vermeintlich metaironischer Essensbilder beobachtet, hat durchaus Methode. Denn gerade auf der alles entscheidenden Symbolebene verkörpern die in sich völlig hohlen Figuren und ihre siech-saturierte Dumpfheit in nuce auch soziale, politische und geistige Dürre Europas kurz vor dem Dritten Weltkrieg. Ganz im Stile des klassischen Rückbildungsdramas entwickeln sich die Protagonisten im Laufe der Handlung wieder zurück zum kleinbürgerlichen Ideal, das sich schon immer in der eigenen Filterblase genügte.

Ich erwarte stündlich die Zusage des zuständigen Rundfunkrates!

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Redliches Fernsehprogramm

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