Monatsarchiv: Mai 2018

Ein denkwรผrdiger Klassenbesuch

โ€žWar frรผher wirklich alles besser? Oma und Opa erzรคhlenโ€œ – unter diesem (zugegeben etwas lauen) Motto hatte die รถrtliche Volksschule in der Woche vor Pfingsten zur munteren Klassengesprรคch geladen. Auch ich lieรŸ mich auf instรคndiges Bitten der Eltern der kleinen Swantje – die leiblichen GroรŸeltern des armen Dings sind samt und sonders bereits verstorben – zu einem kleinen Vortrag breitschlagen. Man ist ja schlieรŸlich kein Unmensch. Zumal ich รคuรŸerst Wichtiges zu sagen hatte.

Was hilft es schlieรŸlich den Kindlein ausschweifend von der glorreichen Vergangenheit zu berichten, wenn diese doch nicht wieder kommt? Die Wahrheit ist doch: die Gegenwart ist deprimierend, die Zukunft sogar bestenfalls fatal! Und diese bedauernswerten Kinderchen leben doch in einer Traumwelt. Warum sonst wรผrden Sie ein derart aussichtsloses Heranwachsen รผberhaupt anstreben?

Sollte ich mich da ruhigen Gewissens wie ein dรผmmlicher Mรคrchenonkel vor diese bedauernswerten Kreaturen setzen und ihnen betuliche Anekdoten aus Verdun auftischen? Keineswegs und nicht mit mir! Wachrรผtteln musste man diesen Nachwuchs!

Ganz getreu diesem Motto beginne ich meinen Vortrag vor der โ€ž2Bโ€œ. Erst einmal gilt es selbstverstรคndlich, eine adรคquate Dramaturgie zu etablieren. Dazu greife ich mir zunรคchst โ€žWastiโ€œ, eine selten hรคssliche Handpuppe und zudem das Klassenmaskottchen. Dann hebe ich in betont betulichem Tonfall an:
โ€žMeine lieben Kindleinโ€œ, der Wasti und der liebe Onkel Friedel wollen Euch heute mal etwas ganz Geheimes erzรคhlen.โ€œ Und mit verstellter, quรคkender Stimme lasse ich die Puppe unken: โ€žIhr dรผrft es aber auch nicht weitersagen, gell.โ€œ โ€žNeeeiiiinโ€œ, hallt es fidel zurรผck.
โ€žNaaaaajaa, liebe Kinderโ€œ, lasse ich den Wasti beginnen, โ€žhabt Ihr denn alle schon eine Lebensversicherung abgeschlossen?โ€œ Ahnungsloses Stieren aus gebannten Kinderaugen. Wenig verwunderlich. Vermutlich haben diese Rangen nicht einmal eine Haftpflichtversicherung, denke ich bei mir. Typisch!
โ€žNun ja, das macht doch nichtsโ€œ, fahre ich, nun wieder als ich selbst, nachsichtig fort. โ€žSie wird Euch nรคmlich eh nichts nรผtzen. Wer soll schlieรŸlich davon profitieren? Na?โ€œ
Nun blicke ich in vรถllig verwirrte Augenpaare.

โ€œBald, ja, bald, da macht es BUMM!โ€, versetze ich triumphierend und lasse, diese dramatische Wendung angemessen unterstreichend, Wasti wuchtvoll auf den Boden fallen. โ€œAuuuua!โ€, lasse ich Wasti รผberrascht und schmerzerfรผllt aufstรถhnen. Aus den hinteren Bankreihen ist nun ein leises Schluchzen zu vernehmen.
โ€œWundert Ihr Euch da tatsรคchlich, liebe Kinder? Schaut Ihr denn keine Nachrichtenโ€, trumpfe ich, mir der Aufmerksamkeit meines Auditoriums nun endgรผltig gewiss, triumphierend auf. โ€œTrump, Putin, Kim – muss ich noch mehr sagen?โ€
โ€œNein, mรผssen Sie nicht, werter Herr Baronโ€, lasse ich Wasti antworten. โ€œUnd รผberall sind der religiรถse Fanatismus und der Nationalismus auf dem Vormarsch.โ€
โ€œSehr richtig, lieber Wastiโ€, bemerke ich verbindlich, wรคhrend ich mich mit einer geschickten Kรถrpertรคuschung an der Klassenlehrerin vorbeischiebe und damit elegant ihren armseligen Versuch unterbinde, mir unverschรคmterweise ins Wort zu fallen.

โ€œUND SELBST, WENN ES NICHT KRACHTโ€, brรผlle ich, endlich am Klimax meiner Brandrede angekommen, โ€œDANN ERWISCHEN EUCH EBEN DIE ANDEREN KATASTROPHEN!โ€
โ€œWassermangel, Zusammenbruch der Renten, tรถdliche Seuchen, Klimawandelโ€ฆโ€, lasse ich Wasti noch ausrufen, bevor ich ihn demonstrativ in die รผber den Kopf halte und ihn sodann grimassierend in der Luft zerfetze.

Nun bricht im Klassenzimmer erwartungsgemรครŸ Zeter und Mordio los. Greinende Halblinge laufen wild schluchzend durcheinander, es entsteht ein unรผbersichtlicher Tumult. Alles verlรคuft genau nach Plan.

Genรผsslich nehme ich hinter dem Lehrerpult Platz und beobachte befriedigt die erfolglosen Versuche der Lehrkraft, ihre vรถllig aufgelรถsten Schรผtzlinge mit hilfloser Kuschelpรคdagogik zu beruhigen.

Erst, als sich die Kindlein nach etwa zwanzig Minuten mรผdegeplรคrrt haben, ergreife ich, nachdem ich nochmals bedeutungsschwer in die Runde geblickt habe, abermals das Wort. Nun gilt es: Kann ich meine wohldurchdachte Vorstellung in einen vรถlligen Triumph verwandeln? Gelingt mir der intendierte trรถstliche Abschluss?

โ€œNun, liebe Kinder, da ihr euch endlich beruhigt habtโ€, verkรผnde ich groรŸvรคterlich, โ€œkann ich Euch aber auch sagen, warum das alles gar nicht so schlimm ist.โ€
Zwanzig verweinte Augenpaare blicken mich an. Erkenne ich da verstohlene Hoffnung? Mir wird ganz warm ums Herz. Sogleich werden sie verstehen!

โ€œGottseidankโ€, doziere ich hocherfreut, โ€œmuss ICH das alles nicht mehr erleben!โ€

Insgesamt, so kann man wohl sagen, darf meine erster Einsatz auf dem Feld der Grundschulpรคdagogik wohl als voller Erfolg gelten. Der Direktor war gar derart begeistert, daรŸ er mich sogar persรถnlich aus dem Schulgebรคude geleitete. Welche Ehre! Leider wurde es schรคndlichst versรคumt, meinen Auftritt fotografisch fรผr die Ewigkeit festzuhalten. Immerhin hat die kleine Swantje diesen zeichnerisch festgehalten. Das arme, talentierte Ding. Fast wรผrde man ihm eine bessere Zukunft wรผnschen.

Klassenbesuch

Werbeanzeigen
Kategorien: Aktuelles, redliche Erziehung

Erstelle eine kostenlose Website oder Blogย โ€“ auf WordPress.com.