Die Sonntags-Sophisten

Passwort123

kreuth

Ein leergefegter Bahnhof in der Münchner Peripherie. Herr K. und Herr S. hinter der Theke des S-Bahn-Kiosks. Davor der greise Herr Graupner mit einem Bier.

Herr K.: Eigentlich wäre dieser Leerlauf vor dem Eintreffen des Pendelrückverkehrs …

Herr S.: Das heißt “Rückpendelverkehr”.

Herr K.: Wie auch immer. Eigentlich wäre dieser Leerlauf vor dem Eintreffen des RÜCKPENDELVERKEHRS eine gute Gelegenheit, mal nach unserer Google-Kampagne zu sehen.

Graupner: Ja hobt’s es…(räuspert sich) Habt Ihr beide Euch etwa für eine Bewerbung dieses Etablissements beim Suchmaschinenriesen Google entschieden?

Herr K.: Man kommt ja nicht mehr darum herum. Gerade als S-Bahn-Kiosk muss man heutzutage hart um seinen Marktanteil kämpfen. Die Leute kaufen ja ohnehin kaum noch Zeitungen, heute geht alles online. Wir müssen die Zielgruppe also genau dort erreichen. Deshalb habe ich auch diesen SEO- und SEA-Kurs an der VHS besucht. Das sind Fachtermini aus dem sogenannten Suchmaschinen-Marketing.

Herr S. (der inzwischen den Laptop hochgefahren hat): Wie heißt nochmal unser Google-Account?

Herr K: Das muss “herrkundherrs” (klein und zusammengeschrieben) At “s” Minus “bahn” Minus “kiosk” Minus “hoellriegelskreuth” (mit “oe”) Punkt “de” sein.

Herr S.: Ich komme nicht rein. Aber das kann ja so auch nicht stimmen. Ein Google-Konto muss doch meines Wissens immer mit “At gmail Punkt com” oder “At googlemail Punkt com” enden.

Herr K.: “herrkundherrs” Punkt “s” Minus “bahn” Minus “kiosk” Minus “hoellriegelskreuth” At “gmail” Punkt “com”?

Herr S.: Das scheint zu stimmen. Passwort?

Herr K.: “Epistula” Bindestrich “non” Unterstrich “erubescit” Punkt “2017”.

Herr S.: Inkorrekt!

Herr K.: “Epistula” Bindestrich “non” Unterstrich “erubescit” Punkt “2016”?

Herr S.: Stimmt ebenfalls nicht!

Herr K.: Ersetzen Sie mal den Unterstrich mit einem Bindestrich.

Herr S.: In Kombination mit “2016” oder “2017”?

Herr K.: Versuchen Sie beides!

Herr S. (unternimmt einige Versuche): Nichts davon funktioniert.

Graupner: Ich habe ja nur drei Passwörter, die ich immer mit zwei Zahlenkombinationen variiere.

Herr S.: Hatten wir das Passwort nicht irgendwo notiert?

Herr K.: Ich habe eine Passwortliste in unserer Dropbox abgelegt. Sie finden sie unter “Kiosk2017\seo_und_buchhaltung\dateien_herrk\aktuell\kw20\passwoerter_laufend. Das ist eine Excel-Datei. Gut, eigentlich nicht mit Excel gemacht. Allgemeiner sagt man “Spread Sheet”.

Herr S. (unternimmt einen Login-Versuch): Und wie lautet das Passwort für unsere Dropbox?

Herr K.: Na wie das andere!

Herr S. (entnervt): Welches?

Herr K.: Das erste!

Herr S. (resigniert): Es geht einfach nicht.

Herr K.: Alles kein Beinbruch. Stellen Sie einfach das Kennwort wieder her! Dazu müssen Sie nur eine Sicherheitsfrage beantworten. Klicken Sie einfach auf “Ich habe mein Passwort vergessen”.

Herr S. (klickt): Wie heißt das Lieblingstier Ihrer Schwiegermutter?

Herr K.: Das kommt ganz darauf an, ob sich diese Frage auf ein idealtypisches, als Haustier ungeeignetes Wildtier, oder auf ein domestiziertes Tier mit Kuschelpotenzial bezieht.

Herr S.: Woher soll ich das wissen? Sie haben doch diese Frage dort eingestellt!

Herr K.: Ich spreche ja auch eher mit mir selbst.

Graupner: Katzen kann ich ja nicht ausstehen. Ich finde ihre kriecherische Freundlichkeit hat sowas hinterhältiges. Schweine hingegen sind sehr intelligent. Raben übrigens auch.

Herr K.: Ja, das habe ich auch schon gelesen. Das ist übrigens der Vorteil des Daseins als Kioskbetreiber eines wenig frequentierten Bahnhofs: Man hat viel Zeit, auch mal längere Artikel zu lesen, die sich nicht auf tagesaktuelles beziehen.

Graupner: Das kann ich mir vorstellen. Ich nehme mir auch immer wieder vor, mir mal wieder eine Zeitung zu kaufen und sie ganz genüsslich in der Küche zu lesen, am besten den ganzen Vormittag lang. Als Rentner habe ich ja inzwischen wieder Zeit dafür. Aber dann kaufe ich mir doch meistens ein Bier. Gegen alte Gewohnheiten kann man nur schwer an.

Herr S.: Ich unterbreche Sie ja nur sehr ungern. Aber unser Passwort-Problem ist noch immer nicht gelöst.

Herr K.: Ich hab’s!

Herr S.: Was denn? Ist Ihnen das Lieblingstier eingefallen?

Herr K.: Nein, das Passwort!

Herr S.: Für die Dropbox?

Herr K.: Nein, natürlich für Google!

Herr S.: Das ist überhaupt nicht “natürlich”. Schließlich waren wir zuletzt bei der Dropbox. Genauer gesagt bei der Passwort-Zurücksetzung.

Herr K.: Das ist doch gerade wirklich unwichtig. Versuchen Sie mal das Passwort.

Herr S.: Nun?

Herr K.: “Passwort123” (mit großem “P” und zusammengeschrieben).

Herr S.: Geht!

Graupner: Na, bis man auf sowas mal kommt!

Advertisements
Kategorien: Die Sonntags-Sophisten

Unwahrscheinlichste Multiversen

Die Multiversen-Theorie war mir stets ein Buch mit sieben Siegeln. Heute allerdings fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Wenn jedes auch nur halbwegs wahrscheinliche Ereignis irgendwo tatsächlich passiert und aus diesen zahllosen alternativen Handlungssträngen eine ebenso zahllose Anzahl neuer Universen entsteht, müssten ja, wenn man sich eine Skala denkt, sowohl eigene Welten für sehr wahrscheinliche und vielleicht nur zufällig nicht eingetretene Ereignisse existieren, wie ebenfalls welche für völlig wahnwitzige Absurditäten, so ihre Wahrscheinlichkeit auch nur einen winzigen Hauch über null liegt.

Am oberen Ende unserer gedachten Skala und damit kaum unwahrscheinlicher als unsere jetzige Realität befände sich beispielsweise ein Universum, in dem man dem Kleingartenvorsteher Kleinschmidt bei seinem Vereinseintritt Anno ’69 nicht die Parzelle 78, sondern die 77 zugewiesen hätte. Bis auf die Lage des Begonien-Beetes hätte sich vermutlich recht wenig geändert und Kleinschmidt wäre heutzutage höchstwahrscheinlich weiterhin haar- und zahnlos. Wesentlich unwahrscheinlicher erschiene da schon eine Welt, in der Affen an Schreibmaschinen wahllos Buchstaben aneinanderreihten, bis sich daraus vielleicht einst ein sinnvoller Satz oder gar alle Romane der Welt ergäben.

Ganz am anderen Ende der Skala und somit am unwahrscheinlichsten hingegen wäre ein Universum, in dem Christian Ude 2013 die Landtagswahl für sich entscheiden konnte und sich als amtierender Ministerpräsident soeben seine Wiederwahl vorbereitet. Oder stammt dieser Schwank doch nur aus der Feder der fabulierenden Affen zwei Universen weiter? Das erscheint wohl ausgesprochen wahrscheinlich. Nun müssen Sie mich allerdings entschuldigen – ich widme mich nun diesseitigeren Problemstellungen und löse ein Kreuzworträtsel aus meinem neuen Superblock.

 

ude.jpg

Kategorien: Die Sonntags-Sophisten

Vor dem “Copy & Print”

copyshop

München-Haidhausen. Ein professoral-zerstreuter Mann mittlerer Statur, unter dem Arm einen offenbar eilens zusammengerafften Stapel Papiere, rüttelt erfolglos an der Tür eines Landenlokals, das schon aufgrund der bedrückend endgültigen Dunkelheit im Inneren kaum Eindruck erweckt, als habe sich der Besitzer nur für ein spätes Mittagspausen-Bier entfernt. Der Professor, ob dieser unerhörten und offenbar mit schier unzumutbaren Disponierarbeiten verbundenen Entwicklung sichtlich aus dem Konzept gebracht, dreht sich einige Male unbeholfen um die eigene Achse und fixiert schließlich einen ihm offenbar zumindest flüchtig bekannten Mann im FC-Bayern-Sweater, dessen hausmeisterhaftigkeit bis hin zum Schnauzbart eine derart klischeehafte Ausprägung erreicht, daß er im Sinne des erzählerischen Neutralitätsgebots hier in einem gänzlich anderen Metier verortet werden soll, etwa im Investementbanking.

Professor: Sagen Sie, warum ist denn der “Copy & Print” um diese Uhrzeit geschlossen? Ich muss doch dringend meine Unterlagen kopieren. Und Mittag ist schon längst vorbei.

Banker: Der hat doch schon vor, na, ungefähr zwei Wochen zugemacht.

Professor: Wegen Krankheit? Ja, also das ist ja ….

Banker (fischt mit dem Mund eine “Ernte” aus dem Päckchen): Nein, doch nicht deshalb. Der Anger hat den Laden endgültig zugesperrt.

Professor: Ach so, also hat er pleite gemacht? Dabei war doch immer Betrieb im Laden…

Banker (nachdem er, seinen Wissensvorsprung wohl etwas mehr als das zuströmende Nikotin goutierend, versonnen an seiner “Ernte” gezogen hat): Nein, gar nicht. Im Gegenteil: Da kam neulich einer in den Laden, Geschäftsmann glaube ich, Siemens oder Linde oder so, der war wohl unter Zeitdruck. Und stellen Sie sich vor: Der hat achtzig Abzüge, also wirklich achtzig, von einer Präsentation haben wollen. Und auch noch spiralgebunden und auf dem guten Papier! Und was glauben Sie, wieviele Seiten die hatte?

Professor: Nun…

Banker: Ich sag’s Ihnen: achtunddreißig! Da hat der Anger, also summa summarum, an einem Tag locker eins drei gedreht. Eintausenddreihundert! Der Mensch hat nur seine Karte gezückt. Und wusch! Der hat das vermutlich nicht selbst gezahlt.

Professor: Na, das ist ja schon eine Menge Geld. Aber deshalb gleich den ganzen Laden…

Banker: Der Anger hat doch schon Jahre gespart. Der hat ja gelebt wie ein Mönch. Unverheiratet und alles. Der hat ja sogar absolut alles von “Ja” gekauft, sogar die Pizza. Die Summe hat ihm noch gefehlt. Dann ist er weg. Einfach so. Wusch!

Professor: Wo soll ich denn in Zukunft meine Unterlagen kopieren? Hier gab es doch im ganzen Umkreis nur das “Copy & Print”…

Banker: Also hier jedenfalls nicht. Hier kommt, soweit ich weiß, jetzt so ein Friseursalon rein. Sie wissen schon, so ein moderner. Für Bärte.

Professor: Das ist alles schrecklich! Schrecklich! Und der Anger? Was macht der jetzt?

Banker (diese Frage längst antizipierend): Der, das sage ich Ihnen, ist schlauer als wir beide zusammen. Der sitzt jetzt auf den Malediven. Das war nämlich schon immer sein Traum.

Professor: Die Malediven… Der Anger kam mit immer eher wie ein gemütlicher Mensch vor. Daß der surft, oder sowas, das überrascht mich doch sehr.

Banker: Ha, der Anger und “surfen”. Daß ich nicht lache! Der hat doch jedes Wasser verabscheut. Nicht mal bei der größten Hitze hat man den überhaupt im Schwimmbad gesehen.

Professor: Aber was macht er denn dann gerade auf den Malediven?

Banker: Na, was denken Sie denn? Natürlich einen Copyshop!

Professor (resigniert): Natürlich.

Kategorien: Aktuelles, Die Sonntags-Sophisten

Ausländische Autopiloten

Sonntagnachmittägliche Parkgesellschaft. Zwei Hundehalterinnen in asymmetrischem Zwiegespräch. Dame Nummer eins, Meisterin der überakzentuierten Betonung, ist sichtlich in Rage. Dame zwei, wohl eher ruhig bis phlegmatisch angelegt, verhehlt ihr Halbinteresse nur viertelgewissenhaft.

Betonerin: …jedenfalls sage ich Ihnen ganz klar: mit diesen SÜDLÄNDISCHEN Airlines fliegen wir nicht mehr!

Phlegma: Ja, warum denn nicht?

Betonerin: Also diese Piloten waren uns ja schon beim Boarding sehr suspekt mit ihren Schnauzbärten. Und „Grüß Gott“ haben die auch mit einem HÖCHST komischen Akzent gesagt. Und dann stellen Sie sich vor: als ich während des Flugs zur Toilette gegangen bin, konnte ich kurz einen Blick ins Cockpit werfen. Und Sie werden es nicht glauben: Der Pilot hatte die Füße oben!

Phlegma: Ach so?

Betonerin: Wenn ich es Ihnen doch SAGE!

Phlegma: War das der Pilot oder der Co-Pilot?

Betonerin: Also zu hundert Prozent kann ich das nicht sagen. Ich bin mir aber SICHER, daß das der Pilot war.

Phlegma: Naja, wirklich schlimm ist das aber eigentlich nicht. Das macht ja heute sowieso alles der Autopilot.

Betonerin: Den konnte ich leider gar nicht sehen. Es würde mich aber bei diesen Brüdern ÜBERHAUPT nicht wundern, wenn der EBENFALLS die Füße oben gehabt hätte! NIE wieder!

Kategorien: Aktuelles, Die Sonntags-Sophisten

Die Sonntags-Sophisten. Heute: Das Raum-Zeitumstellungs-Problem

Station 58 E. Herr K. und Herr S. auf dem Gang.

Herr E.: Wie spät ist es bei Ihnen?

Herr S.: Bei mir ist es Viertel nach fünf.

Herr E.: Schwachsinn. Es ist Viertel nach sechs.

Herr S.: Viertel nach sechs kann es doch gar nicht sein. Dann wäre jetzt Fernsehstunde.

Herr E.: Woher wollen wir wissen, daß gerade keine Fernsehstunde ist? Schließlich sitzen wir hier auf dem Gang. Von hier aus ist der Fernseher nicht zu hören, sofern die Tür des Fernsehzimmers geschlossen ist.

Herr S: Dann sollten wir das umgehend überprüfen.

Herr S. (nachdem er die Tür zum Fernsehzimmer geöffnet hat laut über den Gang rufend): Da ist niemand im Fernsehzimmer und der Fernseher ist aus. Also MUSS es ja Viertel nach fünf sein.

Herr E.: (noch lauter zurückrufend): Das ist doch gar nicht gesagt. Vielleicht ist ja gerade Fernsehstunde, aber niemand will fernsehen.

Herr S.: Das wäre allenfalls während der Rauchzeiten denkbar. Die sind aber alle zwei Stunden jeweils um halb. Es ist aber erwiesenermaßen weder halb fünf noch halb sechs. Zu der Uhr vor dem Raum der Stille gehe ich jetzt jedenfalls nicht auch noch. Ich habe Schmerzen in den Beinen.

(Es läutet das im Gang angebrachte Patiententelefon)

Patiententelefon: Ring Ring.

Herr E.: Hallo? Ja, Erwin, gut, daß Du gerade jetzt anrufst! Wie spät ist es denn bei Euch?

(Unverständliches Gemurmel aus dem Patiententelefon)

Herr E. (sichtlich erregt): Warum sollte ich das nicht wissen wollen? Glaubst Du vielleicht, die Uhrzeit sei für mich egal? (zu Herrn S.): Bei denen ist es auch Viertel nach sechs.

Herr S.: Freilich stellt sich tatsächlich die Frage, warum Sie das so genau wissen müssen. Schließlich wären die einzigen Termine, die in Ihrer aktuellen Situation Pünktlichkeit erfordern die Fernsehstunde und die Rauchzeiten. Sie sind aber Nichtraucher und betreten den Fernsehraum für gewöhnlich nur, um das Programm umzuschalten und dann mit der Fernbedienung wieder den Raum zu verlassen.

Herr E.: Sie vergessen die Medikamentenausgabe.

Herr S.: Die erfordert ja wiederum keine Pünktlichkeit. Schließlich würde man, wenn Sie den Termin der Ausgabe verpassten, fraglos nach Ihnen suchen.

Schwester (tritt aus dem Personal-Aufenthaltsraum auf den Gang): Herr E., Herr S., vergessen Sie nicht, daß es gleich Medikamente gibt, gell?

Herr E.: Ha, da haben Sie es!

Herr S.: Was denn?

Herr E.: Na, jetzt haben wir endlich einen Anhaltspunkt!

Herr S.: Dazu müssten wir erst einmal wissen, wann es das letzte Mal Medikamente gegeben hat. Haben Sie eine Ahnung?

Herr E.: Gefühlt ist das ist schon ewig her.

Herr S. (nachdem er seine Pillen-Ration mit etwas Wasser heruntergespült hat): Die Erfahrung der Zeitlosigkeit schafft Klarheit und Gelassenheit.

Herr E.: Schweser, komme ich bald raus?

Schwester: Nein.

Kategorien: Aktuelles, Die Sonntags-Sophisten

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.