Baron Friedels aristokratischer Almanach

Baron Friedels aristokratisches Konversationslexikon

Audienzbalkon, der: Für aristokratische Hofhaltung nahezu unabdingbarer, meist überdachter Gebäudevorbau, der sich sowohl durch seine Form als auch durch seine Zweckbestimmung deutlich von den an Plebejer-Unterkünften üblichen Freiluftvorbauten unterscheidet (vgl. Balkonien, das, Bal­kön­chen, das). Werden diese meist zur armseligen Nahsterholung und insbesondere zur Herausbildung einer vulgären Proletarier-Bräune oder im süddeutschen Raum zur Kopulationsanbahnung (vgl. fensterln) genutzt, dient der A. grundlegend anderen Zwecken. Durch seine meist eher längliche Anlage auf die repräsentative Aufreihung vielköpfiger Dynastien ausgelegt, wird der A. schon seit den Tagen des Imperium Romanum weniger als bloße Freiluftplattform, sondern vielmehr als erstes erstes Mittel der Untertanen-Kommunikation genutzt. Die Einsatzmöglichkeiten des A. waren ausgesprochen vielfältig. Sie konnten sich von Nachwuchspräsentationen über Brandreden (vgl. Hunnenrede, die) und Proklamationen bzw. Kriegserklärungen bis zur mildtätigen Verteilung von Holzpfennigen reichen, die zu diesem Zwecke vom A. aus auf das Volk geworfen wurden (aufgrund der akuten Verletzungsgefahr sieht man seit dem Hochmittelalter von Blechtalern und Granithellern ab). Mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust des Adels entfallen heutzutage die meisten kommunikativen Funktionen des A., wohingegen er in der direkten Folge als Ausgangspunkt melodramatischer Suizide nochmals Konjunktur erlebte. Heutzutage werden durch einige, sich selbst als Audienzbalkon-Aktivisten bezeichnende Aristokraten (vgl. von Friedel, Jesus-Maria) zunehmend Versuche unternommen, den A. wieder seiner ursprünglichen Bestimmung zuzuführen, wobei diese Bemühungen meist an der engstirnigen Unkultiviertheit der bürgerlichen Behördenvertreter scheitern und nicht selten in einer unrechtmäßigen Internierung des adeligen Aufrührers gipfeln (vgl. Nervenheilanstalt, die).

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Die B-Note

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Wie es sich ganz zweifellos für einen waschechten Edelmann von Range gehört, habe auch ich selbstredend schon einige Duelle hinter mich gebracht. Sollten Sie also erwägen, mich zum Ehrenhändel zu fordern, so möchte ich Sie an dieser Stelle ausdrücklich warnen: Zwar bin ich ein geradezu lausiger Schütze, dafür aber ein regelrechter Meister in der Kunst der dramatischen Pose des tödlichen Getroffenwerdens (mit oder ohne Zylinderverlust). Damit konnte ich bislang noch jeden Wettkampf über die B-Note für mich entscheiden. Vor Ihnen habe ich also keine Angst!

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„𝕯𝖎𝖊 𝖙𝖆𝖚𝖘𝖊𝖓𝖉 𝖊𝖎𝖙𝖗𝖎𝖌𝖊𝖓 𝕾𝖎𝖊𝖈𝖍𝖊𝖓 𝖉𝖊𝖘 𝕾𝖙. 𝕹𝖎𝖐𝖔𝖑𝖆𝖚𝖘“: 𝕰𝖎𝖓 𝖘𝖚𝖇𝖏𝖊𝖐𝖙𝖎𝖛𝖊𝖗 𝕹𝖆𝖈𝖍𝖇𝖊𝖗𝖎𝖈𝖍𝖙

Noch bevor in allen bedeutenden Tageszeitungen am morgigen Tag frenetische Feuilletons zu meiner in­sze­na­to­rischen Großleistung erscheinen, möchte ich Ihnen, werte Fratzenbuch-Freunde, möglichst neutral meine eigenen Eindrücke der denkwürdigen Uraufführung meines Stücks „Die tausend eitrigen Siechen des St. Nikolaus“, welches ich – nicht ganz zu Unrecht, wie ich meine – als Kulmination meines dramatischen Weihnachtsspiel-Schaffens erkenne, schildern. An dieser Stelle sei auch meinem Ensemble nochmals explizit für die Mitwirkung gedankt. Man kann, so denke ich, durchaus mit einigem Stolz auf das Erreichte blicken und sollte die teils unschönen Szenen, die sich im unmittelbaren Anschluss abspielten, keinesfalls überbewerten. Bestenfalls kann man sie zum Gradmesser dafür nehmen, daß die Disruption der gefälligen Selbstvergewisserung eines nur noch an harmlos-wohlfeile Weihnachtsspiele gewohnten Publikums als hehre Aufgabe des Laientheater-Schaffenden wohl gerade dann als besonders geglückt zu gelten hat, wenn man die Gemeinde-Mehrzweckhalle frühzeitig, unfreiwillig und fluchtartig verlässt.

Nun aber genug der langen Vorrede. Was war passiert? Oder besser: Was überhaupt intendiert? Über meine Beweggründe muss ich, so glaube ich, keine großen Worte mehr verlieren. Nur so viel: Muss man sich denn ernsthaft wundern, daß nicht einmal mehr das ungezogenste Gör den St. Nikolaus zumindest ein bisschen fürchtet, wenn er doch bei näherem Hinsehen heutzutage nur noch als weichlicher Lieferant zuckriger Lebensverkürzer fungiert, sozusagen als zauselbärtiger Diabetes-Dealer mit seltsamem Hut? Wo bleibt da die Ehrfurcht, wo der Respekt vor der imposanten Lebensleistung dieses Ausnahme-Heiligen? Fraglos schien ein entschlossenes Gegensteuern dringend angezeigt. Und so hatte ich mein Stück ganz in diesem Geiste als Parforceritt durch die zahlreichen Wundertaten des Heiligen aus Myra angelegt, sozusagen ein sakrosanktes Kammerspiel, gelegentliche Menetekel keineswegs ausgeschlossen!

Wie aber, so lautete zweifellos die Ausgangsfrage, kann es gelingen, das für seine nachgerade mikroskopische Aufmerksamkeitsspanne geradezu berüchtigte infantile Publikum für eine derart ernste Thematik zu interessieren? Ganz klar: man musste mit einem echten Knalleffekt beginnen! So hatte ich gerade die Wirkung der ersten Szene wohlkalkuliert und verfolgte vom Bühnenrand (besser gesagt dem Aufbewahrungsraum der Turn-Gerätschaften) einigermaßen siegesgewiss, wie Frl. Radka und Frl. “Ruby Gold”, genauestens observiert von 34 leuchtenden Halblings-Augenpaaren, in ihrer üblichen Arbeitskleidung um viertel nach sechs die Bühne betraten. Zu den beiden Damen nur so viel: Aus den genannten dramaturgischen Überlegungen hatte ich mich entschlossen, mit der Legende vom Geldgeschenk zu beginnen. In dieser (selbstverständlich wahren) Geschichte errettete der St. Nikolaus einen verarmten Mann nobler Herkunft aus misslicher Lage. Er konnte nämlich die Mitgift für seine Töchter nicht aufbringen und sie deshalb nicht anständig vermählen. Als einziger Ausweg erschien dem bedauernswerten Mann, seine Töchter dazu zu zwingen, sich im äußerst ungünstig reputierten Hafenviertel von Myra den Seemännern feilzubieten. Was blieb dem armen Menschen auch anderes übrig? Der heilige Nikolaus kam ihm schließlich zu Hilfe, indem er in drei aufeinanderfolgenden Nächten einige Goldmünzen unter seiner Tür durchschob.

Da mir gerade bei dieser entscheidenden Szene Authentizität als besonders wichtig erschien, hatte ich mit den genannten Damen echte Professionelle engagiert, die in meinen Augen am besten imstande waren, die mit dem bejammenswerten Schicksal der Töchter einhergehende Verzweiflung mit dem gebotenen Nachdruck zu verkörpern. Und was soll ich sagen? Mein Plan ging ganz famos auf! Beide improvisieren kaugummikauend etwa drei Minuten einen Monolog über die Fährnisse des Dirnen-Daseins, bevor ich im Nikolausgewand die Bühne betrete und jeder einige Münzen zustecke, woraufhin mich die beiden jubilierend ihrer Dankbarkeit versichern und wir alle drei Hand in Hand die Bühne verlassen. Vorhang und anerkennendes Raunen, insbesondere bei der versammelten Elternschaft.

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In der nächsten Szene eine abrupte Rückblende in die Kindertage des heiligen Mannes: Ich, mich als Baby-Nikolaus nur mit einer Pampers bekleidet auf einem Bärenfell räkelnd, erwarte wonnig brabbelnd die Ankunft meiner Frau Mutter, ebenfalls verkörpert von Frl. Ruby. Kenner der Materie wissen bereits: hier wird die Legende nacherzählt, nach der Nikolaus schon als Säugling so fromm war, daß er die Brust der Mutter an den Fastentagen stets nur einmal nahm, was das Frl. Ruby nach mehrmaligem Angebot, welches ich mit ablehnendem Kopfschütteln quittiere, mit publikumswirksamer Bewunderung kundtut. Vorhang und Schweigen im gerührten Auditorium.

In der dritten Szene wird dem Publikum keine Ruhepause gegönnt und das Erzähltempo nochmals erhöht. Behandelt werden die Auferweckung der zerstückelten Scholaren und die Rettung der zum Tode verurteilten Feldherren. Den Zuschauern bietet sich eine verstörende Szene: Zur Rechten Herr Kleinschmidt von Kleingartenverein in seiner bewährten Rolle als zerhackter Scholar im Salzfass, aus dem nur Kopf und Arme ragen und somit den täuschend echten Eindruck abgetrennter Gliedmaßen vermitteln. Zur Linken meine Halma-Brüder Furtmayer, Groß und von Nortz als bereits am Galgen baumelnde Feldherren, wobei hier leider der doppelte Boden versagte, was andererseits der Authentizität der Darbietung überhaupt nicht schadete. Einige Liter Kunstblut verliehen dem schrecklichen Panorama zusätzliches Gewicht. Eiligen Schritts betrete ich im Kostüm die Bühne, spanne das Publikum aber noch gehörig mit einem Monolog über Schuld, Sühne und die verheerenden Folgen mangelnder Folgsamkeit auf die Folter, bevor ich schließlich den Zerstückelten wieder ganz mache und die Erhängten vom Galgen schneide. Vorhang.

Folgen sollte nun eigentlich ein vierzigminütiges Zwischenspiel, das detailliert die Ereignisse beim Konzil von Nicäa unter Berücksichtigung der kanonischen Implikationen nacherzählt. Freilich kam es dazu nicht mehr. Inzwischen hatte sich gerade in den hinteren Reihen, also auf den Eltern-Plätzen, einiger Tumult entwickelt, der noch vor der ersten Bekenntnisverbrennung in wütenden Zwischenrufen und schließlich im Verständigen der Ordnungshüter gipfelte, was einen vorzeitigen Abbruch der Vorführung letztlich alternativlos machte. Immerhin nahmen die durchaus physischen Auseinandersetzungen mit den Eltern beim Verlassen der Mehrzweckhalle jene Schlägerei vorweg, in der die Konzil-Szene ohnehin gipfeln sollte.

Was lässt sich abschließend festhalten? Ärgerlich bleibt sicherlich, daß ich die besonders ausgeklügelte Abschluss-Szene nicht mehr zur Aufführung bringen konnte, die das postume Quellenwunder besonders anschaulich dargestellt hätte: Aus dem Kopfende des Nikolaus-Sarkophags entspringt kurz nach seinem Tode eine Salböl-Quelle. Dazu hatte Bäckermeister Schmied ein lebensgroßes Marzipan-Abbild meiner Wenigkeit auf einer Grablege aus Biskuit präpariert, aus dessen Kopf nach einem Wehklage-Monolog der Fräuleins Radka und Ruby unter allgemeinem Hallo ein sprudelnder Brunnen aus weißer Schokolade entsprungen wäre. Der ehemals zerstückelte Scholar hätte sodann mit den Worten “Nun ist es mit dem Alten aus – gelobt sei der St. Nikolaus” das Buffet eröffnet. So blieb die süße Köstlichkeit leider unverzehrt, was die bedauernswerten Kindlein nicht zuletzt der mangelhaften Bibelfestigkeit ihrer Erzeuger zu verdanken haben. Immerhin konnte Herr Kleinschmidt, der seine Kleptomanie-Selbsthilfegruppe aus Zeitgründen schon seit Monaten nicht besucht hat, vorausschauenderweise die Kindergartenkasse entwenden, mit deren Inhalt wir den Frls. Ruby und Radka sogleich den wohlverdienten Lohn auszahlten.

Ich muss wohl wieder einmal damit leben, meiner Zeit wenigstens drei Tode mit anschließender Wiederauferstehung voraus gewesen zu sein. Mein Vorhaben allerdings, nämlich mit Nachdruck auf die eigentliche Bedeutung des Nikolausfestes hinzuweisen, ist zweifellos grandios geglückt. Wünsche weiterhin eine besinnliche Adventszeit!

Vorhang.

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Danse macabre ins neue Jahr

In wenigen Stunden ist es wieder soweit: Das siech darniederliegende Seuchenjahr wird mit ohrenbetäubendem Geknalle und unmäßigem Alkoholabusus standesgemäß verabschiedet. Freilich: seine rituelle Bedeutung hat der mitternächtliche Radau schon längst eingebüßt. Wollte man in grauer Vorzeit hauptsächlich die ungeliebten Geister des alten Jahres verjagen, noch bevor sie auch das kaum dem Schoße der Ewigkeit entschlüpfte Neujahr mit ihren Heimsuchungen zu peinigen vermochten, so hält man dergleichen heutzutage für vorzeitlichen Aberglauben und lässt lieber gedankenlos ähnliche Quantitäten an Barschaften und Gehirnzellen mitsamt dem scheidenden Annum in übelriechendem Schwarzpulverdunst und schaumweinumwölktem Delirium tremens verglimmen. Welch fatale Ignoranz!

Ja, Sie lesen recht: Die bösen Geister der Vergangenheit sind nicht nur sehr real, sondern heutzutage sogar präsenter denn je. Nur zu: horchen Sie, schnuppern Sie. Können Sie ihn fühlen, den dumpfen Hauch der Verwesung, der sich jetzt, genau in diesem Moment, über Ihre traute Stube legt? Freund Hein hat es sich längst neben Ihnen auf dem Sofa bequem gemacht – und mit ihm alljene Gespinste der deutschen Fernsehunterhaltung, die Sie längst tot und begraben wähnten.

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Ganz recht: das vermeintliche “Programmfeuerwerk” auf allen Sendern ist tatsächlich nicht viel mehr als ein ungelenker Danse macabre, dessen Ouvertüre, eine allenfalls mittelkomische Stolper-Klamotte aus England, den Zuseher bereits durch ihre schiere Altbekanntheit in einen heimtückischen Schlummer wiegt. Derart eingelullt (und sowieso bereits einschlägig vorbetrunken) ist der ahnungslose Chaiselongue-Apathiker leichte Beute für eine Schaar zombifizierter Schreckensgestalten, die nunmehr im Halbstundentakt aus dem Krypten der leichten Unterhaltung zum Fernsehschirm emporsteigen: ob Harald Juhnke, Dieter Krebs, Rudi Carrell oder das Ekel Alfred – kein Spaßmacher der piefigen Bundesrepublik bleibt am Silvesterabend unexhumiert. Auch die gerade noch Lebendigen vom Schlage eines Roberto Blanco, die man für eine obligatorische Pilawa-Unterhaltungssendung mühsam zurück ins Wachkoma rüttelt, können kaum über die Tatsache hinwegtäuschen, daß im deutschen Silvester-Fernsehen nicht der Frohsinn, sondern die Fäulnis Programm ist.

Wenn heute also kurz vor Mitternacht Johannes B. Kerner, von der Spider Murphy Gang auf der alten Leier adäquat begleitet, das verflossene Jahr routiniert abmoderiert, dann sollten auch Sie einige Minuten für ein kurzes Innehalten reservieren. Wenn dann alsbald die lauten Böllersalven einsetzen, gedenken Sie kurz und innig der ursprünglichen Bewandtnis des Feuerwerks, das neben lustigem Farbspiel und traumhaften Feinstaubwerten eben in allererster Linie die bösen Geister längst vergangener Tage wieder in ihre Särge scheucht. Ich darf Ihnen versichern: eher früher als später gibt es ein Wiedersehen. Allerspätestens am 31.12.

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Es darf gelacht werden: Ein Plädoyer für Toleranz und Augenmaß

Zuerst erschienen in der Zeitschrift für Lichtspielzensur MOVIEBETA

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Die Staatskrisis ist perfekt: in einem Schmähgedicht aus der Feder eines bislang zumindest mir weithin unbekannten Schmieranten wurde der osmanische Sultan in wüster Weise beschimpft und unter anderem bezichtigt, ein äußerst ungebührliches Verhältnis zu sogleich mehreren Paarhufern zu unterhalten. Ein subversiver Akt sondergleichen, der die Grenze der Majestätsbeleidigung weit überschreitet. Schließlich geht es nun wirklich niemanden etwas an, was der Sultan ganz privat in seinem Harem betreibt. Der Orientale ist nun einmal Polygam und hat außerdem ein, nun, inniges Verhältnis zur Schöpfung in all ihrer Vielfalt. Als tolerante Menschen haben wir dies schlichtweg zu akzeptieren.

Denn die Toleranz, werte Leser, ist eben stets etwas Gegenseitiges: wir tolerieren die seltsamen, vielleicht sogar krude anmutenden weltanschaulichen Marotten des Sultans, damit er im Gegenzug unsere Situation tolerierbar macht. Eine Übereinkunft, von der beide Seiten gleichermaßen profitieren. Daher rührt auch die ausgemachte politische Brisanz der aktuellen Misere. Lassen Sie mich eine für jedermann verständliche Analogie zum Alltag herstellen: Gewöhnlicherweise wird man aufgrund ihrer überaus nützlichen Funktion davon absehen, die örtliche Fachkraft für Kreislauf- und Abfallwirtschaft zu kränken – obwohl man einen solchen Gesellen aufgrund seines strengen Geruchs und seiner möglicherweise seltsamen Beziehung zu zum Hofhund vermutlich nicht an den Mittagstisch einladen würde. Wussten Sie übrigens, dass Herr Erdogan gerne die Füße seiner Frau Mutter küsst und behauptet, dort sei „der Duft des Himmels“? Andere Länder, andere Sitten.

Sei es, wie es will: Nun haben wir bloß Salat, jedoch kein Fleisch im Fladenbrot: der deutsche Chefdiplomat in Ankara hat dem Vernehmen nach bereits eine Einliegerwohnung im türkischen Außenministerium bezogen und Herr Kanzler Merkel wird hart durchgreifen müssen, will er diese Krise noch zu einem glimpflichen Ende bringen. Immerhin: der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat bereits reagiert und das schändliche Machwerk aus seiner Medien-Bibliothek entfernt. Wieder einmal beweisen die zuständigen Gremien, dass sie über ein Auge für die überaus wesentliche Bedeutung einer umfassenden Inhaltskontrolle für ein funktionierendes Staatswesen verfügen.

Wir hingegen, geschätzte Leser, sollten uns an dieser Stelle von den Niederungen der Tagespolitik lösen und uns vielmehr der Ursachenforschung widmen. „Wie konnte es nur so weit kommen?“, sollte die Frage an dieser Stelle lauten.

Heiliger Ernst – nicht ohne Grund Tradition

Denn der oben geschilderte Präzedenzfall weist doch auf eine viel grundsätzlichere Problematik: heutzutage gilt nämlich der sogenannte Humor im Allgemeinen und die Satire im Besonderen geradezu als staatsbürgerliches Grundrecht schlechthin, ihre freie und unkontrollierte Ausübung ist fast schon zum Volkssport geworden.

Dabei reicht ein kurzer Blick in die Geschichte für die Feststellung, dass dem keineswegs immer so war. Man denke beispielsweise an den zweiten „Prager Fenstersturz“: protestantische Aufwiegler werfen kaiserliche Verwaltungsbeamte völlig ohne weitere Rechtsgrundlage aus dem Palastfenster in einen Misthaufen. Heutzutage wäre man vermutlich geneigt, einen derartigen Vorgang als reine Situationskomik abzutun, wie man sie beispielsweise en masse in alten „Dick und Doof“-Machwerken vorfindet. Man würde sein Wischtelefon zücken, die Geschehnisse damit filmen und sie sogleich auf ein soziales Netzwerk hinaufladen. Dort wären die purzelnden Würdenträger sodann – bis zur nächsten aufstoßenden Miezekatze – Gesprächsstoff in allen Büros. Und die Arbeit bliebe natürlich liegen.

In Prag, Anno Domini 1618, war ein solcher Schlendrian hingegen undenkbar: bekanntlich betrachtete man die Chose, abgesehen von etwas Galgenhumor angesichts der zahlreichen Massenhinrichtungen, wenig humoristisch und führte die nächsten dreißig Jahre einen durchaus ernstzunehmenden Konflikt. Schließlich ging es um Religion – ein Thema, das im wahrsten Sinne des Wortes heiligen Ernst erfordert. In anderen Teilen der Welt – wie beispielsweise in der Türkei – hat man dieses Prinzip noch heute bestens verinnerlicht.

Ich möchte keineswegs den Eindruck erwecken, mir läge nichts am Humor; das Gegenteil ist der Fall. Wer mich kennt, der weiß, dass ich für einen spritzigen „Klein-Erna“-Scherz jederzeit zu haben bin. Gleichwohl lässt sich aus jenem historischen Beispiel doch ein klarer Schluss ziehen. Dieser lautet: alles zu seiner Zeit!

Gerade wir in Deutschland sollten uns dringend auf diese althergebrachte Tugend besinnen. Wir sollten uns die Frage stellen: sind etwa Exportweltmeister in Sachen Humor? Die Antwort ist recht einfach: keineswegs! Wir stehen für aufrechte, ehrliche Arbeit. Wir exportieren Automobile, Kriegsmaschinen, verschreibungspflichtige Medikamente und bisweilen, einmarschierenderweise, auch uns selbst.

Bisweilen ist ein Späßchen erlaubt

Wollen wir die Basis unseres Wohlstandes nicht gefährden, so müssen wir dem Humor also fraglos Grenzen setzen. Überhaupt ist der volkstümliche Terminus „Humor“ doch bei näherer Betrachtung nur allzu ungenau: er umfasst nämlich neben den durchaus verträglichen Spielarten auch viel humoristischen Wildwuchs, der sich, bei allzu laxem Laisser-faire, zum ernsten Problem für jede Volkswirtschaft entwickeln kann.

Man muss sich ernstlich fragen: wo wären wir heute, würde ein jeder während der Erledigung seines Tagewerkes einfach hemmungslos dem Humor frönen, noch dazu dem subversiven? Nein, werte Leser, der Spaß bedarf einer strengen staatlichen Regulierung, wir müssen ihn kanalisieren und rationalisieren.

Ziel sollte die Schaffung eines für jedermann klar erkennbaren Raumes des Heiteren und Lustigen sein, sozusagen ein Zeitfenster, das dem geneigten Humorwilligen ganz klar suggeriert: „Es darf gelacht werden“. Die Älteren werden sich noch dieses Diktums mit Signalwirkung entsinnen, welches früher auch gerne heiteren Fernsehsendungen oder Lustspielen vorangestellt wurde. Gerne darf – wie bei Karnevalsveranstaltungen üblich – dann auch ein unterstützender Tusch gespielt werden, um jegliche Unsicherheit, wann gelacht werden sollte vollends auszuräumen.

So schlägt man sogleich zwei Fliegen mit einer Klappe: zum einen wird das Humor- und Schunkelbedürfnis des Volkes gestillt, zum anderen der sonstige Alltag von überflüssigem Humor befreit. Sämtlicher andere Humor – und insbesondere die Satire – ist umgehend als „Schwarzhumor“ zu klassifizieren und unter Strafe zu stellen.

Zur Durchsetzung dieser Reglungen empfehle ich die rasche Einrichtung einer neuen Behörde. Das „Ministerium für Humorregulierung“ (MiniHuRe) – so könnte sie heißen, wobei hier das „Waffen- und Munitionsbeschaffungsamt“ (WuMBA) bei der Namensfindung als Inspiration dient.

Für die Leitung dieser neuen Superbehörde habe ich indes eine ganz besondere Lösung im Sinn: Nachdem die Regulierung des sachdienlichen Frohsinns eine Aufgabe von höchster Verantwortung darstellt, kann keine Einzelperson mit ihr betraut werden. Vielmehr plädiere ich – nach dem Vorbild der Rundfunkräte – für ein Führungsgremium. Dieses könnte sich beispielsweise aus den Preisträgern des alljährlich in Aachen verliehenen „Ordens wider den tierischen Ernst“ rekrutieren. Zu den Preisträgern zählen wahre Koryphäen der organisierten Heiterkeit: Beispielsweise Norbert Blüm, Karl Kardinal Lehmann, Markus Söder, ja, sogar Edmund Stoiber!

Sie werden mir, werte Leser, gewiss zu folgen gewillt sein, wenn ich behaupte: bei solchen Wunderwaffen des gehobenen Frohsinns ist unser Humor in besten Händen!

So bleiben uns in Zukunft nicht nur Einbrüche der Produktivität, sondern auch lästige Schwierigkeiten mit Herrn Erdogan erspart.

Wir, liebe Leser, sehen uns nächsten Monat an ebendieser Stelle. Bis dahin gilt: bleiben Sie (maßvoll) heiter!

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Baron Friedels aristokratischer Almanach

Werte Damen und Herren,

hocherfreut darf ich verkünden, dass Sie meinen weltgewandten Weisheiten nun auch in der einschlägigen Publikation MOVIEBETA teilhaftig werden können.

In meiner hochredlichen Kolumne „Baron Friedels aristokratischer Almanach“ werde ich Sie in der besagte Postille von nun an monatlich mit Ansichten erfreuen, die so druckreif sind, dass man sie eigentlich sogar in den Berg Sinai meißeln müsste.

Zum restlichen Inhalt kann ich freilich recht wenig sagen, obschon ich mir selbstredend eidesstattlich versichern ließ, dass man sich durchweg mit sittlichen Themen befasst, beispielsweise der Veröffentlichung von Zierdecken-Häkelmustern.

Vernünftige Leser werden aber ohnehin sogleich die Seite 30 (dort steht mein Leitartikel) aufschlagen, gell.

Bitte schalten Sie umgehend hier!

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