Monatsarchiv: September 2016

Die erstaunliche Erfindung der Anal-Arznei

Die Älteren unter Ihnen werden sich gewiss erinnern:
Bereits 1899 erfindet K. Prestorius in Linz das Fieberzäpfchen und entdeckt somit eine völlig neuartige, äußerst effektive, aber zugleich ungekannt unangenehme Form der Arzneimitteldarreichung. Seine revolutionäre Idee kommt ihm der Legende nach bei der Betrachtung alter Holzschnitte mit Darstellungen unter Vlad III. gepfählter Delinquenten.

Leider wäre die kühne Entdeckung beinahe an der leidigen Durchführbarkeit gescheitert: vor der Erfindung des Penicillins ist es schlicht unmöglich, Arzneiwirkstoffe auf eine handliche Größe zu komprimieren. Prestorius freilich lässt sich durch diese Widerstände nicht beirren. Flugs konstruiert er die „κώλος I“ getaufte (Prestorius war gelernter Altphilologe), motorisierte Zäpfchen-Droschke. Unter der Außenhülle aus einem hochwertigen Chinin-Morphin-Gemisch auf Hartfett-Basis ist ein Benz-Viertaktmotor mit drei Pferdestärken verbaut. Ein Zäpfchen mit Verbrennungsmotor – was aus heutiger Sicht vielleicht etwas bizarr anmuten mag, ist damals schob ob der schieren Größe der torpedoförmigen Anal-Arznei unabdingbar. Nur auf diesem Weg ließ sich eine korrekte Verabreichung sicherstellen.

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Die motorisierte Anal-Arznei des K. Prestorius

Am 29. April 1889 kommt es auf einem Streckenabschnitt der Semmeringbahn zum ersten Härtetest. Unter Zuhilfenahme des starken Gefälles gelingt es Prestorius, auf eine damals schier haarsträubende Spitzengeschwindigkeit von 25 Stundenkilometern zu beschleunigen – ein neuer Rekord für die gesamte Region unter der Enns.

Auch die angedachte Applikation ist gelingt fast zur Gänze: Dem strategisch an der Ziellinie platzierten Schüttelfrost-Patienten, Herrn Landeskassendirektor Brunz, kann der Wirkstoff mindestens zur Hälfte verabreicht werden, bevor sein Perineum vor dem ungewohnten Anpressdruck kapituliert. Ein Teilerfolg. Außerdem erhält Prestorius so die Möglichkeit, mitsamt seiner nur halb geschmolzenen Konstruktion unter frenetischem Jubel des begeisterten Publikums eine Ehrenrunde zu drehen.

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Eine Zeit kühner Männer in fahrenden Arzeimitteln

Insgesamt muss man wohl festhalten: so banal die damaligen Geschehnisse aus heutiger Sicht auch erscheinen mögen – Prestorius‘ Ur-Zäpfchen war das erste Medikament, das aus eigener Kraft einen Wettkampf gewann. Wenn Sie also demnächst bei einer Olympiade den Siegeszug eines Athleten bewundern, den er ganz zweifellos einem brandneuen Präparat verdankt, so bedenken Sie: ein kinderleicht einführbares Zäpfchen ist beileibe keine Selbstverständlichkeit.

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Kategorien: Gesundheit, Historische Exkurse

Die Kotau-Katharsis

Was soll nur wieder die ganze Aufregung? Die Regierung stellte doch lediglich fest, dass das Parlament etwas festgestellt habe, was man vollends unterstütze (also das Gesagte an sich, nicht etwa den tatsächlichen Inhalt des Gesagten, welchen man nicht als verbindlich erachte). Es darf in diesem Land also Gottlob noch immer alles gesagt werden, solange der Inhalt dem Sagen an sich nicht auf übermäßig lästige Weise im Wege steht. Kurzum: ein entschlossenes Bekenntnis zur Worthülse, für das wir unserer Regierung dankbar sein sollten. Schließlich ermöglicht erst der trübe Schleier des Ungefähren ein nicht über die Gebühr verbindliches Alltagsgespräch über sonst nur allzu unerfreuliche Geschichtsthemen.

So zumindest meine Meinung. Aber nageln Sie mich bitte nicht darauf fest.

Kategorien: Aktuelles, Zur Weltpolitik

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