Die Hรถlle: Silvesterparty

Spรคtestens nach den rauschenden Erfolgen der AfD ist bekannt: Nichts liebt der deutsche Mensch mehr als seine Traditionen. Das gilt insbesondere, wenn ihn allzu kleinmรผtige Vorschriften linksgrรผnversiffter Miesepeter ohnehin schon รผber die Gebรผhr in seiner Persรถnlichkeitsentfaltung einschrรคnken. Nie wird dieser Umstand evidenter als an Silvester: Wenn es ihm heutzutage schon nicht mehr gestattet ist, die neusten Errungenschaften der heimischen Rรผstungsindustrie eigenhรคndig an den Nachbarn zu erproben, so pocht der Germane wenigstens auf sein hartertrutztes Recht, zumindest das neue Jahr mit blitzkriegophoner Artilleriesperrfeuerschalmei zu empfangen, bei der selbst Opapa recht warm ums Herz wรผrde, hรคtte ihn nicht bereits Anno โ€˜14 die damals neuste Errungenschaft der franzรถsischen Rรผstungsindustrie konfettiรคhnliche Fitzelchen zerfranst.

Apropos Konfetti: Abseits des traulichen Bรถller-Tumults droht dem geistig Normalen weit schlimmerer Unbill: Auf der sogenannten โ€œSilvesterpartyโ€ rottet sich am 31.12. alles zusammen, was noch nicht in der Verwesungsgruft des heimischen Fernsehzimmers dem gnรคdigen Schicksal des baldigen Exitus entgegenfault. Wer sich Schlag sechs, bewaffnet mit einem Eimer Industrie-Kartoffelsalat und einer Flasche Rotem aus den eher zweifelhaft reputierten Regal-Regionen der Edeka-Spirituosenabteilung, beim Gastgeber der diesjรคhrigen Sause einfindet, wird die daheimgebliebenen Chaiselongue-Mumien schon beim ersten Anblick der brettspielabendgestรคhlten Partygesellschaft beneiden. Nun heiรŸt es abwarten, bis die stocknรผchternen Feierbiester sich vermittels Druckbetankung mit der pappsรผรŸen Bowle auf eine angemessene Betriebstemperatur gurgeln. Bis dahin steht inspirierter Smalltalk รผber Arbeit, Job und Siechtum auf dem Programm. Nach etwa drei Stunden aber ist jedermann endlich angemessen abgefรผllt. Spรคtestens dann pfeift man auf die pseudo-akademischen Sachzwรคnge und jedes noch so drรถge Business-Gesprรคch verliert sich in diffusem โ€œIch-so-Halloโ€-Gestammel. Somit hat der Abend bereits seinen Scheitelpunkt erreicht – das Ambiente kulminiert in einem dickschwadigen Mix aus ohnmรคchtiger Resignation und trotzigen Durchhalteparolen, dem Flair einer durchschnittlichen SPD-Regionalkonferenz nicht ganz unรคhnlich.

weihnachtsfeier

Dann, endlich, wird es Zeit fรผr die reiche heimische Silvester-Tradition: Fondue oder Raclette (schweizerisch) fungieren mit unkoordiniertem Durcheinandergestocher als ideale Einstimmung fรผr die altbekannte, allenfalls mittelkomische Stolper-Klamotte (englisch), wohingegen das inzwischen qua EU-Edikt verbotene BleigieรŸen (vermutlich rรถmisch) leider entfallen muss. Allerdings lรคsst sich die hochgiftige Gaudi fast wirkungsgleich mit einem weiteren Blick in die Visagen der Feiergenossen substituieren, die durch einen dem gemeinen Bleiklumpen nicht unรคhnlichen Deformationsgrad einen etwa gleichwertig informativen Ausblick auf das zu erwartende Restdasein zulassen. AnschlieรŸend folgen die deutschesten Beitrรคge zum weltweiten Jahresend-Ritus, nรคmlich: ‚Bumm‘, ‚peng‘, ‚prosit‘, ‚rutsch‘ und ‚wรผrg‘.

Wenn Sie dann am nรคchsten Morgen mit dem Kopf in den Bowleresten erwachen und noch Wochen danach tiefe moralische Scham verspรผren, erรถffnet sich nach Abschluss der Kater-Katharsis endlich die tiefere Einsicht, nรคmlich, daรŸ sich ein weiteres Jahr der unterbezahlten Drehstuhl-Fron als vergleichsweise mindere Strafe ausnimmt. Immerhin bleibt nach jedem Silvester die geheime Hoffnung, daรŸ irgendwann keine weiteren folgen werden.

Guten Rutsch!

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Kategorien: Aktuelles, Diabolisches

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Ein Gedanke zu „Die Hรถlle: Silvesterparty

  1. Silvester 2019 gibt es zur Unterhaltung Brezelbacken und Salzteig formen, unterstรผtzend anstatt Rotem und Kartoffelsalat ab 18:00 Uhr das Katerfrรผhstรผck. Dann gehen auch alle frรผher.

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