Ein denkwürdiger Klassenbesuch

„War früher wirklich alles besser? Oma und Opa erzählen“ – unter diesem (zugegeben etwas lauen) Motto hatte die örtliche Volksschule in der Woche vor Pfingsten zur munteren Klassengespräch geladen. Auch ich ließ mich auf inständiges Bitten der Eltern der kleinen Swantje – die leiblichen Großeltern des armen Dings sind samt und sonders bereits verstorben – zu einem kleinen Vortrag breitschlagen. Man ist ja schließlich kein Unmensch. Zumal ich äußerst Wichtiges zu sagen hatte.

Was hilft es schließlich den Kindlein ausschweifend von der glorreichen Vergangenheit zu berichten, wenn diese doch nicht wieder kommt? Die Wahrheit ist doch: die Gegenwart ist deprimierend, die Zukunft sogar bestenfalls fatal! Und diese bedauernswerten Kinderchen leben doch in einer Traumwelt. Warum sonst würden Sie ein derart aussichtsloses Heranwachsen überhaupt anstreben?

Sollte ich mich da ruhigen Gewissens wie ein dümmlicher Märchenonkel vor diese bedauernswerten Kreaturen setzen und ihnen betuliche Anekdoten aus Verdun auftischen? Keineswegs und nicht mit mir! Wachrütteln musste man diesen Nachwuchs!

Ganz getreu diesem Motto beginne ich meinen Vortrag vor der „2B“. Erst einmal gilt es selbstverständlich, eine adäquate Dramaturgie zu etablieren. Dazu greife ich mir zunächst „Wasti“, eine selten hässliche Handpuppe und zudem das Klassenmaskottchen. Dann hebe ich in betont betulichem Tonfall an:
„Meine lieben Kindlein“, der Wasti und der liebe Onkel Friedel wollen Euch heute mal etwas ganz Geheimes erzählen.“ Und mit verstellter, quäkender Stimme lasse ich die Puppe unken: „Ihr dürft es aber auch nicht weitersagen, gell.“ „Neeeiiiin“, hallt es fidel zurück.
„Naaaaajaa, liebe Kinder“, lasse ich den Wasti beginnen, „habt Ihr denn alle schon eine Lebensversicherung abgeschlossen?“ Ahnungsloses Stieren aus gebannten Kinderaugen. Wenig verwunderlich. Vermutlich haben diese Rangen nicht einmal eine Haftpflichtversicherung, denke ich bei mir. Typisch!
„Nun ja, das macht doch nichts“, fahre ich, nun wieder als ich selbst, nachsichtig fort. „Sie wird Euch nämlich eh nichts nützen. Wer soll schließlich davon profitieren? Na?“
Nun blicke ich in völlig verwirrte Augenpaare.

“Bald, ja, bald, da macht es BUMM!”, versetze ich triumphierend und lasse, diese dramatische Wendung angemessen unterstreichend, Wasti wuchtvoll auf den Boden fallen. “Auuuua!”, lasse ich Wasti überrascht und schmerzerfüllt aufstöhnen. Aus den hinteren Bankreihen ist nun ein leises Schluchzen zu vernehmen.
“Wundert Ihr Euch da tatsächlich, liebe Kinder? Schaut Ihr denn keine Nachrichten”, trumpfe ich, mir der Aufmerksamkeit meines Auditoriums nun endgültig gewiss, triumphierend auf. “Trump, Putin, Kim – muss ich noch mehr sagen?”
“Nein, müssen Sie nicht, werter Herr Baron”, lasse ich Wasti antworten. “Und überall sind der religiöse Fanatismus und der Nationalismus auf dem Vormarsch.”
“Sehr richtig, lieber Wasti”, bemerke ich verbindlich, während ich mich mit einer geschickten Körpertäuschung an der Klassenlehrerin vorbeischiebe und damit elegant ihren armseligen Versuch unterbinde, mir unverschämterweise ins Wort zu fallen.

“UND SELBST, WENN ES NICHT KRACHT”, brülle ich, endlich am Klimax meiner Brandrede angekommen, “DANN ERWISCHEN EUCH EBEN DIE ANDEREN KATASTROPHEN!”
“Wassermangel, Zusammenbruch der Renten, tödliche Seuchen, Klimawandel…”, lasse ich Wasti noch ausrufen, bevor ich ihn demonstrativ in die über den Kopf halte und ihn sodann grimassierend in der Luft zerfetze.

Nun bricht im Klassenzimmer erwartungsgemäß Zeter und Mordio los. Greinende Halblinge laufen wild schluchzend durcheinander, es entsteht ein unübersichtlicher Tumult. Alles verläuft genau nach Plan.

Genüsslich nehme ich hinter dem Lehrerpult Platz und beobachte befriedigt die erfolglosen Versuche der Lehrkraft, ihre völlig aufgelösten Schützlinge mit hilfloser Kuschelpädagogik zu beruhigen.

Erst, als sich die Kindlein nach etwa zwanzig Minuten müdegeplärrt haben, ergreife ich, nachdem ich nochmals bedeutungsschwer in die Runde geblickt habe, abermals das Wort. Nun gilt es: Kann ich meine wohldurchdachte Vorstellung in einen völligen Triumph verwandeln? Gelingt mir der intendierte tröstliche Abschluss?

“Nun, liebe Kinder, da ihr euch endlich beruhigt habt”, verkünde ich großväterlich, “kann ich Euch aber auch sagen, warum das alles gar nicht so schlimm ist.”
Zwanzig verweinte Augenpaare blicken mich an. Erkenne ich da verstohlene Hoffnung? Mir wird ganz warm ums Herz. Sogleich werden sie verstehen!

“Gottseidank”, doziere ich hocherfreut, “muss ICH das alles nicht mehr erleben!”

Insgesamt, so kann man wohl sagen, darf meine erster Einsatz auf dem Feld der Grundschulpädagogik wohl als voller Erfolg gelten. Der Direktor war gar derart begeistert, daß er mich sogar persönlich aus dem Schulgebäude geleitete. Welche Ehre! Leider wurde es schändlichst versäumt, meinen Auftritt fotografisch für die Ewigkeit festzuhalten. Immerhin hat die kleine Swantje diesen zeichnerisch festgehalten. Das arme, talentierte Ding. Fast würde man ihm eine bessere Zukunft wünschen.

Klassenbesuch

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Kategorien: Aktuelles, redliche Erziehung

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