Danse macabre ins neue Jahr

In wenigen Stunden ist es wieder soweit: Das siech darniederliegende Seuchenjahr wird mit ohrenbetรคubendem Geknalle und unmรครŸigem Alkoholabusus standesgemรครŸ verabschiedet. Freilich: seine rituelle Bedeutung hat der mitternรคchtliche Radau schon lรคngst eingebรผรŸt. Wollte man in grauer Vorzeit hauptsรคchlich die ungeliebten Geister des alten Jahres verjagen, noch bevor sie auch das kaum dem SchoรŸe der Ewigkeit entschlรผpfte Neujahr mit ihren Heimsuchungen zu peinigen vermochten, soย hรคlt man dergleichen heutzutage fรผr vorzeitlichen Aberglauben und lรคsst lieber gedankenlos รคhnliche Quantitรคten an Barschaften und Gehirnzellen mitsamt dem scheidenden Annum in รผbelriechendem Schwarzpulverdunst und schaumweinumwรถlktem Delirium tremens verglimmen. Welch fatale Ignoranz!

Ja, Sie lesen recht: Die bรถsen Geister der Vergangenheit sind nicht nur sehr real, sondern heutzutage sogar prรคsenter denn je. Nur zu: horchen Sie, schnuppern Sie. Kรถnnen Sie ihn fรผhlen, den dumpfen Hauch der Verwesung, der sich jetzt, genau in diesem Moment, รผber Ihre traute Stube legt? Freund Hein hat es sich lรคngst neben Ihnen auf dem Sofa bequem gemacht – und mit ihm alljene Gespinste der deutschen Fernsehunterhaltung, die Sie lรคngst tot und begraben wรคhnten.

dinner

Ganz recht: das vermeintliche โ€œProgrammfeuerwerkโ€ auf allen Sendern ist tatsรคchlich nicht viel mehr als ein ungelenker Danse macabre, dessen Ouvertรผre, eine allenfalls mittelkomische Stolper-Klamotte aus England, den Zuseher bereits durch ihre schiere Altbekanntheit in einen heimtรผckischen Schlummer wiegt. Derart eingelullt (und sowieso bereits einschlรคgig vorbetrunken) ist der ahnungslose Chaiselongue-Apathiker leichte Beute fรผr eine Schaar zombifizierter Schreckensgestalten, die nunmehr im Halbstundentakt aus dem Krypten der leichten Unterhaltung zum Fernsehschirm emporsteigen: ob Harald Juhnke, Dieter Krebs, Rudi Carrell oder das Ekel Alfred – kein SpaรŸmacher der piefigen Bundesrepublik bleibt am Silvesterabend unexhumiert. Auch die gerade noch Lebendigen vom Schlage eines Roberto Blanco, die man fรผr eine obligatorische Pilawa-Unterhaltungssendung mรผhsam zurรผck ins Wachkoma rรผttelt, kรถnnen kaum รผber die Tatsache hinwegtรคuschen, daรŸ im deutschen Silvester-Fernsehen nicht der Frohsinn, sondern die Fรคulnis Programm ist.

Wenn heute also kurz vor Mitternacht Johannes B. Kerner, von der Spider Murphy Gang auf der alten Leier adรคquat begleitet, das verflossene Jahr routiniert abmoderiert, dann sollten auch Sie einige Minuten fรผr ein kurzes Innehalten reservieren. Wenn dann alsbald die lauten Bรถllersalven einsetzen, gedenken Sie kurz und innig der ursprรผnglichen Bewandtnis des Feuerwerks, das neben lustigem Farbspiel und traumhaften Feinstaubwerten eben in allererster Linie die bรถsen Geister lรคngst vergangener Tage wieder in ihre Sรคrge scheucht. Ich darf Ihnen versichern: eher frรผher als spรคter gibt es ein Wiedersehen. Allerspรคtestens am 31.12.

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Kategorien: Aktuelles, Baron Friedels aristokratischer Almanach, Redliches Fernsehprogramm

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