Die Hölle: Das urbane Blutgericht

Jetzt, da ich im wohltemperierten Eigenheim sitze, gilt mein ganzes Mitgefühl jenen bedauernswerten Individuen, die bei diesen unmenschlichen Temperaturen der klirrenden Kälte fast schutzlos ausgeliefert sind. Jedes Jahr zur Winterzeit rotten sich diese armen Seelen an öffentlichen Plätzen in tumultartigen Ansammlungen zusammen, dicht an dicht pferchen sie auf ihrer verzweifelten Suche nach zumindest etwas wohliger Wärme ihre schlotternden Leiber aneinander, die jammerbleichen Fratzen nur von einer fahlen, in Kehricht-Tonnen geschürten Glut erhellt, in der man hektoliterweise Domestos (oder preiswertere WC-Reiniger) erhitzt und dieses sodann möglichst im siedend in die schrunde Kehle gießt. Befeuert wird diese hurtige Zerschindung der eigenen Innerei durch den Verzehr von allerlei verkochten, meist in billigem Zucker gewälzten Scheußlichkeiten, die schmutzkittelige Panscher in windschiefen Bretterbuden über eher Schlammherden gleichenden Kochstellen zusammenmatschen. Hie und da kakophonieren aus kratziger Konserve eingespielte Bläsersalven durchs knallenge Rund und vereinen sich mit dem jaulenden Ostwind zu einer fast zärtlichen Liebesdissonanz.

Setzt langsam die Dämmerung ein, beginnen von umsichtigen Stadtplanern installierte Lichterketten ihr Werk, wie dürre Weidenäste hängen sie unheilschwanger über dem Ort des Geschehens und befunkeln ihn, ein Fanal des Elends, mit neongrellem Licht, jeden zufällig vorbeiflanierenden Passanten, sofern er noch einigermaßen bei Sinnen ist, hochnotpeinlich der möglichst weiträumigen Umgehung jenes urbanen Blutgerichts gemahnend. Dann erst, zu vorgerückter Stunde, treten die widerwärtigsten Ausgeburten auf den Plan, nämlich die skrupellosen Profiteure, die den inzwischen nahezu urteilsunfähigen Besinnlichkeits-Schluckern mit überteuert feilgebotenem Tand und Kitsch, geschnitzt meist von fahriger Morphinistenhand, die letzten armseligen Holzpfennige aus der Tasche ziehen.

Kurzum: Man wird in unseren Städten und Dörfern kaum eine ebenso allgegenwärtige wie verheerende humanitäre Notsituation vorfinden. Wann, so muss man fragen, ja, wann endlich wird die Regierung etwas gegen diese Weihnachtsmärkte unternehmen?

Advertisements
Kategorien: Aktuelles, Das Christfest, Diabolisches

Beitragsnavigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: