Die Sonntags-Sophisten. Heute: Das Raum-Zeitumstellungs-Problem

Station 58 E. Herr K. und Herr S. auf dem Gang.

Herr E.: Wie spät ist es bei Ihnen?

Herr S.: Bei mir ist es Viertel nach fünf.

Herr E.: Schwachsinn. Es ist Viertel nach sechs.

Herr S.: Viertel nach sechs kann es doch gar nicht sein. Dann wäre jetzt Fernsehstunde.

Herr E.: Woher wollen wir wissen, daß gerade keine Fernsehstunde ist? Schließlich sitzen wir hier auf dem Gang. Von hier aus ist der Fernseher nicht zu hören, sofern die Tür des Fernsehzimmers geschlossen ist.

Herr S: Dann sollten wir das umgehend überprüfen.

Herr S. (nachdem er die Tür zum Fernsehzimmer geöffnet hat laut über den Gang rufend): Da ist niemand im Fernsehzimmer und der Fernseher ist aus. Also MUSS es ja Viertel nach fünf sein.

Herr E.: (noch lauter zurückrufend): Das ist doch gar nicht gesagt. Vielleicht ist ja gerade Fernsehstunde, aber niemand will fernsehen.

Herr S.: Das wäre allenfalls während der Rauchzeiten denkbar. Die sind aber alle zwei Stunden jeweils um halb. Es ist aber erwiesenermaßen weder halb fünf noch halb sechs. Zu der Uhr vor dem Raum der Stille gehe ich jetzt jedenfalls nicht auch noch. Ich habe Schmerzen in den Beinen.

(Es läutet das im Gang angebrachte Patiententelefon)

Patiententelefon: Ring Ring.

Herr E.: Hallo? Ja, Erwin, gut, daß Du gerade jetzt anrufst! Wie spät ist es denn bei Euch?

(Unverständliches Gemurmel aus dem Patiententelefon)

Herr E. (sichtlich erregt): Warum sollte ich das nicht wissen wollen? Glaubst Du vielleicht, die Uhrzeit sei für mich egal? (zu Herrn S.): Bei denen ist es auch Viertel nach sechs.

Herr S.: Freilich stellt sich tatsächlich die Frage, warum Sie das so genau wissen müssen. Schließlich wären die einzigen Termine, die in Ihrer aktuellen Situation Pünktlichkeit erfordern die Fernsehstunde und die Rauchzeiten. Sie sind aber Nichtraucher und betreten den Fernsehraum für gewöhnlich nur, um das Programm umzuschalten und dann mit der Fernbedienung wieder den Raum zu verlassen.

Herr E.: Sie vergessen die Medikamentenausgabe.

Herr S.: Die erfordert ja wiederum keine Pünktlichkeit. Schließlich würde man, wenn Sie den Termin der Ausgabe verpassten, fraglos nach Ihnen suchen.

Schwester (tritt aus dem Personal-Aufenthaltsraum auf den Gang): Herr E., Herr S., vergessen Sie nicht, daß es gleich Medikamente gibt, gell?

Herr E.: Ha, da haben Sie es!

Herr S.: Was denn?

Herr E.: Na, jetzt haben wir endlich einen Anhaltspunkt!

Herr S.: Dazu müssten wir erst einmal wissen, wann es das letzte Mal Medikamente gegeben hat. Haben Sie eine Ahnung?

Herr E.: Gefühlt ist das ist schon ewig her.

Herr S. (nachdem er seine Pillen-Ration mit etwas Wasser heruntergespült hat): Die Erfahrung der Zeitlosigkeit schafft Klarheit und Gelassenheit.

Herr E.: Schweser, komme ich bald raus?

Schwester: Nein.

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Kategorien: Aktuelles, Die Sonntags-Sophisten

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