Die Operetten-Kasernierung

Inzwischen ist es zur zweifelhaften Sitte geworden, alle Jahre wieder den in besonders negativer Weise aktenkundigen Ausschuss der deutschen Selbstdarstellerzunft im sonst weitgehend primatenfreien australischen โ€žDschungelโ€œ zu internieren. Lรคppische zwei Wochen gibt er sich dort der Lรคcherlichkeit preis โ€“ und wird fรผr seine Mรผhen sogar noch finanziell entschรคdigt.

Frรผher wรคre eine derart zuvorkommende Behandlung einschlรคgiger Lustspiel-Verbrecher kaum denkbar gewesen. Die ร„lteren unter Ihnen werden sich in diesem Zusammenhang vielleicht an das Panoramagefรคngnis โ€žZum weiรŸen Rรถsslโ€œ im schรถnen Salzkammergut erinnern.

idylle

Die augenscheinliche Idylle trรผgt: das โ€žRรถsslโ€œ galt damals als sittenstrengste Vollzugsanstalt fรผr bei Kaiser und Hof wegen mangelnden Talents in Ungnade gefallene Mitglieder der Operettendarsteller-Zunft, bei ihren Insassen war sie als โ€žHรถlle der pittoresken Peinโ€œ berรผchtigt.

Ein gewรถhnlicher Tag im โ€žRรถsslโ€œ begann mit den ersten Technicolor-Sonnenstrahlen und dem fidelen Blasen der Jagdhรถrner zum Frรผhschoppen-Appell. Zum SpaรŸen war schon zu frรผher Stunde niemand aufgelegt โ€“ bei den Wรคrtern achte man schon bei der Einstellung peinlich auf eine angemessen rรผhrselige Temperamentslage.

รœberhaupt traf den Neuankรถmmling sogleich die ganze Wucht des Trivialen: Ob bei der tรคglichen Dreivierteltakt-Gymnastik vor malerischem Panorama oder der gemeinsamen Gstanzl-Rezitation auf sattgrรผner Bergwiese โ€“ ein geplantes Abgleiten ins Kitschige war fester Bestandteil des ausgeklรผgelten Vollzugskonzepts.

Auch angewandte Heiterkeit stand ganz regelmรครŸig auf dem Programm: Intonierte ein Mitglied des Wachspersonals bei der Zellenkontrolle eine wonnige Spontan-Arie, so hatte jeder Insasse unverzรผglich im Chor miteinzustimmen โ€“ allzu verbohrten TrauerklรถรŸen drohte postwendend der Gang ins โ€žMaximโ€œ (So bezeichnete der Hรคftlingsjargon die nur von herzfรถrmigen Gucklรถchern erhellte Einzelhaftzelle).

Einmal pro Monat war jedem Hรคftling gestattet, Besuch von seiner Liebsten zu empfangen (hatte er selbst keine, so wurde ihm auf Anstaltskosten eine gestellt). Doch auch hier waren strenge Regeln einzuhalten. Das Protokoll sah einen leidenschaftlich gefรผhrten Beziehungsstreit vor, zu dessen Untermalung jederzeit ein Orchester fรผr dramatisch-schrille Streichersรคtze bereitstand. Hernach sah das Protokoll einen leidenschaftlichen Versรถhnungskuss vor (Mindestdauer: fรผnf Minuten). Der Gefรคngnisgeistliche blickte solange verschรคmt grienend in die Zimmerecke zum ebenfalls betont desinteressierten Heiland am Kreuz.

Fluchtversuche waren รผbrigens von vornherein zwecklos. Wer die Operette oder den Heimatfilm auch nur im Ansatz studiert hat, der weiรŸ: Auch wenn es bisweilen zu leichten Verwicklungen kommt – am Ende wendet sich immer alles zum Guten.

Trotz anfรคnglicher Zweifel an den drakonischen Methoden gab der Erfolg dem โ€žRรถsslโ€œ schlieรŸlich Recht: Mit Jopie Heesters und Peter Alexander eroberten zwei ehemalige Insassen spรคter sogar die deutsche Welt im Sturm.

Der langen Rede kurzer Sinn: Auch ein Strafvollzug fรผr abgehalfterte Knallchargen muss sinnvolle Perspektiven zu Resozialisierung anbieten. Dann ist mรถglicherweise selbst die deutsche Unterhaltungslandschaft noch zu retten.

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches

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