Urlaubsschnรคppchen im Pflegeheim

Werte Damen und Herren,

gewiss kennen auch Sie dieses Gefรผhl: bisweilen scheinen die nagenden Fรคhrnisse des tristen Alltags selbst den duldsamsten Menschen geradezu zu verzehren. Freilich: man soll sich nicht beklagen, so steht es schlieรŸlich bereits in der Bibel โ€“ den Lohn fรผr alle irdische Mรผh erhรคlt man im Jenseits, wo auf den guten Christenmenschen gottlob nur eine einzige, auf ewig unbefleckbare Jungfrau wartet.

Gleichwohl ist jedermann bloรŸ ein Mensch โ€“ sogar eine Schlรผsselfigur meines Zuschnitts. So trifft es sich, dass auch ich bisweilen eine sogenannte โ€žAuszeitโ€œ vom Trubel des Alltags benรถtige. Als vielbeschรคftigter Hochbetagter habe ich mir ein wenig Erholung ja auch redlich verdient. Da erscheint ein Kuraufenthalt auf den ersten Blick als das Gebot der Stunde. Wohingegen sich bereits beim zweiten Hinsehen die Nachteile eines solchen Erholungsurlaubes offenbaren: Kurtaxe, Hotelkosten, sowie teure und wenig nahrhafte Schonkost sind da nur die Spitze des kostspieligen Eisberges.

pflegeheim

Betreuung auf Fรผnf-Sterne-Niveau

Meine Maxime lautet hingegen: Erholung sollte in diesem Lande auch fรผr den kleinen Geldbeutel erschwinglich sein und bleiben. Daher urlaube ich seit Jahr und Tag im Pflegeheim St. Theresa. Wie herrlich erholsam ist es doch, endlich einmal wieder vรถllig umsorgt zu werden und Seele wie SchlieรŸmuskel vollends baumeln lassen zu kรถnnen.

Noch nicht einmal um die Anreise muss ich mich kรผmmern: ich brauche lediglich den sogenannten โ€žNotfallknopfโ€œ, den ich an einer uhrรคhnlichen Vorrichtung am Handgelenk trage zu betรคtigen –ย  flugs eilt medizinisch geschultes Personal herbei. Meist genehmige ich mir noch kurz vor dem beherzten Knopfdruck ein gesundes Flรคschchen Sechsรคmter und lege meine Dragoner-Uniform an. Logische Diagnose: fortgeschrittene Demenzerkrankung. Nรคchster Halt: Seniorenstift!

Erfreulicherweise verfรผge ich รผber keinerlei lebende Verwandtschaft und bin zudem durch eine geschickte Finanzbuchhaltung bedarfsweise vรถllig mittellos. Die Kosten meines Aufenthalts trรคgt also Vater Staat.

Nach der Erledigung dieser lรคstigen Formalitรคten kann denn auch endlich die Erholung beginnen โ€“ und die umfassende Betreuung lรคsstย in der Tat kaum Wรผnsche offen. Endlich vรถllig unbehelligt von der alten Zeit berichten, oder dem ร„rger รผber die falsch ausgefรผllte Steuererklรคrung Anno โ€™75 freien Lauf lassen, ohne auf terminliche Zwรคnge, Nervenkostรผm oder Feierabend des Personals oder der anderen Insassen Rรผcksicht nehmen zu mรผssen โ€“ herrlich!

Man wird angekleidet, auf Wunsch gefรผttert, ja, nicht einmal das Klosett muss man besuchen, sollte man es vorziehen, den Tag gemรผtlich im Bett zu verbringen. Gut, bisweilen bleibt man vielleicht, aufgrund von personellen Engpรคssen, im wahrsten Sinne des Wortes auf der eigenen Bettpfanne sitzen. Immerhin: eine Fango-Packung kรคme weitaus teurer!

Die Verpflegung ist รผbrigens besser als ihr Ruf: Freude exotischer Kost erwartet eine aufregende Entdeckungsreise in unendliche kulinarische Weiten โ€“ bei Astronautennahrung und Magensonde speisen Sie wie weiland die Besatzung des Raumschiffs Orion.

Langeweile kommt ebenfalls nicht auf: bei bunten Abenden im Aufenthaltsraum kommt selbst der reservierteste Insasse in ausgelassene Schunkelstimmung. Bisweilen sorgt bei der gemeinsamen Polonaise zudem ein spontaner Schlaganfall bei einem Mitbewohner fรผr knisternde Spannung. Im Falle seines Ablebens lรคsst man den Abend dann bei einer guten Tasse Harntee mit informierten Gesprรคchen รผber die tragische Krankengeschichte des Verschiedenen ausklingen. Wohlige Schauer, sowie das befriedigende Gefรผhl, selbst noch am Leben zu sein, sind garantiert!

Man darf also zusammenfassend festhalten: wer seinen Urlaub im Pflegeheim verbringt, der kann sich hernach mit neugewonnener Energie wieder ins Tagesgeschรคft stรผrzen; Ich kann Ihnen folglich nur raten, es mir nachzutun. Bedenken Sie: Das Pflegepersonal wird schlieรŸlich nur dafรผr bezahlt, Sie nach allen Regeln der Kunst zu umsorgen. Ein schlechtes Gewissen โ€“ oder gar Trinkgelder โ€“ sind vรถllig unangebracht. SchlieรŸlich steht es schlussendlich jedem frei, etwas Vernรผnftiges zu lernen –ย  beispielsweise Sparkassendirektor oder Berufspolitiker.

Ich wรผnsche Ihnen von Herzen einen erholsamen Urlaub!

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Kategorien: Aktuelles, Erbauliches, Gesundheit

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