Meilensteine meiner Familiengeschichte, Teil V

Bad Friedelruh, 1854: nach kurzem Todeskampf erliegt Kees-Beatrix van de Friedelen aus dem flรคmischen Zweig meiner Familie seiner schweren Verletzung und stirbt einen vorzeitigen, gewaltsamen Tod. Ein Schicksal, das er mit zahlreichen Visionรคren, die ihrer Zeit in vielerlei Hinsicht voraus waren zu teilen hat.

Schon in frรผhster Kindheit diagnostiziert der Leibarzt der Familie Kees-Beatrix einen geringfรผgigen Unterbiss, der bis Dato nicht weiter aufgefallen ist. Gleichwohl ist es dieser Makel, der ihn zeitlebens verfolgen wird und noch heute oftmals den Blick auf sein groรŸartiges Lebenswerk verstellt. Denn obgleich selbst von edelstem Geblรผt kann Kees-Beatrix noch heute als visionรคrer Sozialreformer gelten, der zeitlebens eine groรŸartige Empathie fรผr die Belange des Pรถbels an den Tag legte.


Kees-Beatrix van de Friedelen

Schon in jungen Jahren von einer nachgerade unbรคndigen Weltneugier getrieben, schlieรŸt sich Kees-Beatrix schon mit 14 Jahren als Schiffsjunge der Niederlรคndischen Westindien-Kompanie an. Doch mit einem derart niederen Rang will sich der muntere Jungspund verstรคndlicherweise nicht zufriedengeben. Schon fรผnf Jahre spรคter kann er folgerichtigerweise bereits sein erstes Kommando รผbernehmen, wobei sich eine verheerende Typhus-Epidemie an Bord sich fรผr seine Karriere als รคuรŸerst zutrรคglich erweist.

Wรคhrend seiner zwanzig Jahre wรคhrenden Laufbahn zu See kann Kees-Beatrix eine groรŸe Expertise in der Arbeiterbewegung erwerben, indem er Gastarbeitern aus aller Herren Lรคnder die รœberfahrt zu den pulsierenden Arbeitsmรคrkten in den neuen europรคischen Bundeslรคndern ermรถglicht.

Schon damals versteht sich Kees-Beatrix ganz intuitiv auf Konzepte, die erst viel spรคter weite Anerkennung auf dem Gebiet der Arbeitsmarktforschung finden sollten. Als Stichwort soll hier der Begriff des โ€žHumankapitalsโ€œ genรผgen. Niemals ertrank ihm auch nur ein Klient, wie รผberhaupt der Europรคer sich dereinst โ€“ im Gegensatz zu heute – geradezu vorbildlich um eine sichere Passage fรผr Arbeitssuchende aus weniger privilegierten Lรคndern bemรผht.

Erst als ihn eine weitere Typhus-Epidemie รผberraschend zum Alleinerben des Stammsitzes Bad Friedelruh macht, beschlieรŸt Kees-Beatrix die Kapitรคnsmรผtze an den Nagel zu hรคngen und sich ganz dem Junkertum zu verschreiben. Auch hier tut er sich als groรŸer Reformer hervor; beispielsweise ernennt er, als er das gereizte, durchaus aufrรผhrerische Klima in der Bauernschaft erkennt, rasch den ersten Gewerkschaftsvertreter auf deutschem Boden รผberhaupt. Hier eine Darstellung der Ernennungszeremonie:

Bedauerlicherweise muss der gute Mann sich alsbald wieder zur Ruhe setzen, was dem Modellcharakter des gnรคdigen Gewรคhrungsaktes indes keinen Abbruch tut.
Da jedoch gerade die Besten oftmals von der Hรคrte der Vorsehung besonders hart getroffen werden, muss Kees-Beatrix โ€“ wie eingangs schon erwรคhnt – ein gewaltsames Ende erleiden. Ein gewisser van Helsing ersticht ihn, von der irrigen Ansicht beseelt, es handle sich bei ihm um einen Vampir, unter dem allgemeinen Jubel der undankbaren Bauernschaft mit einem Holzpflock. Vorher hatte sich Kees-Beatrix um eine Wiedereinfรผhrung des Ius primae noctis bemรผht, was die bรถsen Verleumdungen und Gerรผchte im Volk weiter befeuerten. Seine Hauer tun das รœbrige.

So beleibt heute nur die Erinnerung an einen groรŸen Sozialreformer โ€“ und die Erkenntnis, dass sich so viel gar nicht verรคndert hat.

Kategorien: Familienchronik

Beitragsnavigation

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.

Bloggen auf WordPress.com.

%d Bloggern gefรคllt das: