Die Beisetzung der alten Wambold

Werte Damen und Herren,

[Bild: rip.gif]

Heute die Beerdigung der alten von Wambold besucht. Was Rang und Namen hat und zudem noch am Leben ist, machte nahezu geschlossen seine Aufwartung. Selbst Generalleutnant Dulpar ließ es sich nicht nehmen, der Freifrau seine letzte Aufwartung zu machen, nebst seiner zweiten Gattin, einem ausgemachten Flittchen. Nachtclubtänzerin – ein Skandal!

Abseits solcher gesellschaftlichen Suizide sei eins Vorausgeschickt: meine aufgrund der höchst geschmacklosen Todesanzeige nachgerade unterirdischen Erwartungen wurden doch übertroffen, wenn auch nur marginal. Man ist über die Jahre doch ein höchst anspruchsvoller Trauergast geworden, meine diesbezüglichen Ansprüche zu erfüllen, ist sicher nicht eben leicht.

Die Wambold indes sah so gut aus, wie schon seit Jahren nicht mehr. Rosiger Teint, straffe Gesichtshaut, fast liebliche Züge. Ganz verschwunden der verhärmte Ausdruck und die charakteristischen, gen Boden deutenden Schmisse in der Mundgegend. Auch vom prominenten Hautlappen am Halse keine Spur zu sehen. Wäre von ausgemachtem Interesse, welcher Spachtelmasse sich der Einbalsamierer bedient hat. Man wird schließlich selbst kaum jünger.

Die Trauerreden des Geistlichen und einiger enger Freunde indes eher uninspiriert, unnötig salbungsvoll, fast schon salbadernd. Die Verstorbene wurde unnötigerweise als liebliches Wesen dargestellt, keineswegs aber als die giftige alte Vettel, die sie ganz zweifellos war. Konsequenterweise nickte ich alsbald ein. Erst die allgemeine Aufbruchstimmung weckte mich schließlich.

Als Veranstaltungsort hatte man den großen Festsaal der „Burenschanz“ ausgewählt. Eher Rustikal, ganz zweifellos, aber doch wenigstens nicht salopp. Zumindest wurde somit trotz der Verarmung der Familie etwas aristokratische Würde bewahrt.

Der Leichenschmaus ließ indes einiges zu wünschen übrig, das Entrecôte zäh und zu durch, die Süßkartoffeln zu hart, zudem mit einer penetranten Muskat-Note. Zum Dessert nur drei Torten zur Auswahl – etwas spärlich, bedenkt man die schiere Singularität des Anlasses. Geheiratet und Gestorben wird schließlich nur einmal im Leben. Und wer in derart knickriger Weise von den Menschen sich verabschiedet, der kann ein liebevolles Andenken nur bedingt erwarten. Wir halten fest: am Ende am falschen Ende gespart.

Ein weiterer Minuspunkt, wenn nicht gar ein absoluter Lapsus: der Aufbau des Dessert-Buffets selbst: positioniert in einem viel zu engen Korridor der Lokalität, schaute ein jeder, der das Pech besaß, sich unmittelbar hinter dem Herrn Professor Nackel zu befinden, sozusagen mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Dazu sollte man wissen, dass der Herr Professor sich keineswegs mit drei Büffetgängen zufriedenzugeben pflegt. Ich möchte beschwören, dass dieser Mann imstande ist, seinen Kiefer auszuhängen.

Nun allerdings genug von der Verpflegung. Immerhin wusste die Gesellschaft zu überzeugen. Auch bei der Zusammensetzung der einzelnen Tische bewies man Feingefühl und Sinn für alte Fehden und Freundschaften. So soll es sein! Ich hätte beispielsweise wenig Wert darauf gelegt, mit dem Baron von Guldenburg den Tisch zu teilen, welchem ich vor Jahren im Rahmen eines Duells das linke Ohrläppchen abschoss.

Solche selten gewordenen Zusammenkünfte bieten selbstverständlich stets eine willkommene Gelegenheit, sich über die aktuellen Geschehnisse im weiteren Bekanntenkreise auf den neusten Stand zu setzen.

So kam ein durchaus angeregtes Tischgespräch zustande. Mit Schrecken vernahm ich die Krankheitsgeschichte des Hofrats Brunz; bis vor einem Jahr war dieser noch quietschfidel, dann plötzlich die fatale Diagnose: ein dackelgroßer Tumor, Metastasen überall. Noch einmal erschien er beim mittwöchlichen Kanasta, dann, innerhalb von drei Wochen: weg vom Fenster. Schauerlich!

Verstorben sind weiterhin: Studiendirektor Brömmelkamm (erholte sich nicht mehr von seinem Sturze im Dezember des letzten Jahres, 98), Generaldirektor i.R. Haushahn (Fettsucht, 86), sowie die Kapitänswitwe Boersen (ehrenvoller Tod auf See im Entmüdungsbecken des örtlichen Physiotherapeuten, 105).

Ich persönlich konnte mir fürderhin noch einen lästigen Praxisgang sparen, als sich ein mir vorher unbekannter Tischgenosse als Dermatologe herausstellte. Bereitwillig nahm dieser das nässende Furunkel an meinem Rektum, welches mich bereits seit einem Monat plagt in Augenschein. Freilich hielt ich mich auch nicht weiter damit auf, lang und breit nach seiner Zustimmung zu fragen, sondern präsentierte ihm die schmerzhafte Scheußlichkeit direktemang; schließlich ist ein Mediziner qua Hyppokrates zur Nothilfe verpflichtet.

Den restlichen Abend ließ ich mit einigen Kräuterbitter ausklingen, welche mir die Verdauung der acht Stück Torte nicht unerheblich erleichterten.

Insgesamt darf gesagt werden: eine mittelmäßige, teils aber auch durchaus gelungene Veranstaltung, wenn man bereit ist, hie und da einige Abstriche zu machen. Es darf mit Spannung erwartet werden, ob die Beerdigung des Hofrats in der nächsten Woche sich eher dem Maßstab annähert, den die Beisetzung des alten von Hoffstätter in letzten Jahre gesetzt hat. Diese soll in der „Goldenen Eiche“ stattfinden, über deren Küche mir bereits viel gutes zu Ohren kam.

Immerhin kehrte ich in halbwegs beschwingter Stimmung und mit einem Gefühl der inneren Befriedigung in meine Stadtvilla zurück: einigermaßen gespeist, ein medizinisches Problem gelöst, abermals einige überlebt.

Am heutigen Tage indes leide ich unter leichten Bauchschmerzen, deren Ursache sich mir nicht wirklich erschießen will. Ich werde mich wohl von der Fahrbereitschaft zu meinem Hausarzt chauffieren lassen. Sicher ist schließlich sicher, insbesondere in Gesundheitsfragen. Zumal ich die Beerdigung in der nächsten Woche auf gar keinen Fall verpassen möchte.

Ihr

[Bild: sig.gif]

Kategorien: Aktuelles, Die bessere Gesellschaft

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